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Ophelia
© Tate, London 2014

Zerstörerische Schönheit - Schönheit der Zerstörung

Elisabeth Bronfen, Universität Zürich

Gewalt in der Gestalt einer schönen Frau ist nicht schrecklich, sondern erbauend. Das hat Holofernes seinen Kopf gekostet. Aber auch Shakespeare kennt das Spiel zwischen äusserem Schein und dem Schrecklichen, das dieser verbirgt.

Mit seinem Heer war Holofernes auf seinem Feldzug nach Jerusalem bis zur Festung Betulia vorgedrungen. Nach 34 Tagen der Belagerung sind die Stadtoberhäupte bereit zu kapitulieren. Judith aber versichert ihnen, sie könne ihr Volk vor der Eroberung retten. Ihren Plan behält sie zwar für sich, doch bringt sie ihre Argumente so überzeugend vor, dass sie die Stadttore passieren darf. Die einzige Waffe, die sie mitnimmt, ist ihre Schönheit. Es gilt, die Feinde in einen Sinneswahn zu stürzen, damit diese nur ihren Liebreiz wahrnehmen und nicht die tödliche Gefahr, die sie in Wirklichkeit verkörpert.

Verblendet vor Schönheit

Tatsächlich erregt sie im Lager der Assyrier grosses Aufsehen und wird zu Holofernes geführt. Zwar fasziniert sie auch ihn zuerst mit ihrer Redekunst, noch überzeugender aber ist die verführerische Körpersprache, mit der sie die Logik der Kriegsbeute umkehrt. Meint der Feldherr, sie sei eine Gefangene, deren Glück von seiner Gunst abhängt, hat sie sich listig selbst zum Köder gemacht. So verblendet ist Holofernes von ihrer Schönheit, dass er den Hass, der sich dahinter verbirgt, nicht einmal zu ahnen beginnt. Und so gelingt es Judith, ihn betrunken zu machen, um ihm alsdann mit seinem eigenen Schwert das Haupt abzuschlagen. Indem Verführung in Zerstörung umschlägt, wird die erotische Penetration, die Holofernes sich erträumte, zu einem rächenden Akt der Kastration. Den Kopf, den er zuerst durch seine rasende Sinneslust im übertragenen Sinne verloren hat, verliert er nun wirklich.

Spiel mit Schein und Schrecken

Wenn Gewalt in der Gestalt einer schönen Frau kommt, dann ist sie nicht schrecklich, sondern erbauend. Dabei dient die weibliche Anmut dazu, die Angst vor der fatalen Bedrohung abzuschirmen. Wie Sigmund Freud in seinen Gedanken zu Shakespeares «Der Kaufmann von Venedig» festhält: Das Ersetzen der Todesgöttin durch die Liebesgöttin konnte im mythischen Denken eine Wunschverkehrung stattfinden lassen. Jener Tod, den der Mensch im Denken zwar anerkennt, dessen Realität er aber für sich so ungerne annimmt, erscheint nun in der Gestalt der liebenswertesten aller Frauen. Bassanio wählt das bleierne Kästchen, dessen fahle äussere Erscheinung als Sinnbild für die menschliche Sterblichkeit zu begreifen ist. Im Gegensatz zu den anderen Freiern, die aufgrund ihrer falschen Wahl wieder heimgeschickt werden können, bekommt er zur Belohnung die schöne Portia.

Nicht immer nimmt im Denken Shakespeares

das Spiel zwischen äusserem Schein und dem Schrecklichen, das dieser verhüllt, eine so beruhigende Wendung ein. Ophelias hysterische Selbstinszenierung führt uns einen kreativen Wahnsinn vor Augen, in dem Schönheit und Zerstörungslust, gänzlich miteinander verschränkt, gleichzeitig in Erscheinung treten. In ihrem Fall stellt ihre anmutige Gestalt nicht für Hamlet eine Gefahr dar, sondern wird, nachdem er sie als Inbegriff weiblicher Sünde verleumdet hat, für Ophelia selber zum Verhängnis. Nicht also dem Geliebten, der ihren Vater ermordet hat, bringt sie den Tod. Vielmehr hält sie jene psychische Gewalt, die auf Schloss Elsinore alle gefangen hält, am eigenen Leib aus. Auch dies lässt sich als Einsatz des weiblichen Körpers als Waffe verstehen. Auch hier enthält der Wahnsinn einen eigenen, wenn auch verqueren Charme.


Veranstaltungshinweis

Missionen der Schönheit
So 3. Juni, 20.00
Schauspielhaus Zürich, Pfauen/Kammer