zurück

Wenn Logik keine Chance hat

Was ist Wahn, was Wirklichkeit?

Prof. Dr. med. Katja Cattapan Sanatorium Kilchberg

Wahn ist für unterschiedliche psychische Erkrankungen symptomatisch und für die Betroffenen so real, wie für den Aussenstehenden als Wahn erkennbar. Dabei kann es jeden treffen. Oder wann waren Sie das letzte Mal verliebt?

Aufgabe der Psychopathologie ist es, den Menschen phänomenologisch in verschiedenen psychischen Dimensionen zu beschreiben, vergleichbar mit der Bildbeschreibung eines Kunstwerks. Der Psychiater oder Psychologe bekommt seine Informationen durch ein Gespräch und sorgfältige Beobachtung.

Bedrohliches Phänomen

Eine faszinierende psychopathologische Dimension ist die des Wahns. Wahnerleben ist eines der bedrohlichsten Phänomene des Menschseins. Wahn wird in der Psychopathologie als «private [...] lebensbestimmende Überzeugung eines Menschen von sich selbst und seiner Welt» definiert (Chr. Scharfetter). Dabei weicht die Wahnwirklichkeit erheblich von der Realität ab, ist aber für den Betroffenen evident, existiert ohne Beweise und kann nicht relativiert werden. Mit logischen Argumenten kann der Wahn-Erlebende nicht von der Gewissheit des Wahns abgebracht werden. Das, was der Aussenstehende als Wahn erkennt, ist für die betroffene Person Realität. In den meisten Fällen ist Wahn mit negativen Gefühlen verbunden. Die Mehrzahl der Wahn-Erkrankten leidet massiv, ihr Leben ist geprägt von Einsamkeit, Angst und Verzweiflung, was in einen Suizid münden kann.

Wahn ist keine Diagnose, sondern ein Symptom, das bei verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen auftreten kann. Häufig wird das Symptom mit der paranoiden Schizophrenie assoziiert, dann oft gepaart mit Halluzinationen. Herr X. fühlt sich trotz mehrfachem Wohnortwechsel von seinen Nachbarn bedroht. Sie würden ihn ständig beobachten, hätten unsichtbare Kameras installiert und wollten ihm Böses. Bestimmte schwere Formen der Depression sind mit Wahn verbunden. Frau L. ist davon überzeugt, dass ihre medizinische Behandlung nicht von der Krankenkasse bezahlt wird, sie und ihre Familie sich deshalb hoch verschulden müssen – trotz vorliegender Bestätigung der Krankenkasse, die das Gegenteil beweist. Grössenwahn ist typisch für manische Zustände bei einer bipolaren Erkrankung. Unerschütterlich davon überzeugt, den «Code» im Börsengeschäft durchblickt zu haben, leiht sich der Student M. von der Bank und allen Bekannten Geld und verliert es bei seinen Finanzspekulationen vollständig.

Kulturelle Wahnunterschiede

Spannend ist die Einschätzung von Wahn bei religiösen, übersinnlichen Phänomenen. Während Begegnungen mit Verstorbenen in einigen Kulturen als real interpretiert werden, werden sie in einer wissenschaftlich geprägten Kultur einem Wahnerleben zugeschrieben: Was als Wahn definiert wird, ist auch von kulturellen Prägungen abhängig. Jeder Mensch ist – unter bestimmten Umständen – wahnfähig.

Ein Selbstexperiment zum Thema Wahn ist das Erleben von Verliebtheit. In diesem Zustand kreisen alle Gedanken um die oder den Angebetete/-n bis zur obsessiven Fixierung, oft begleitet von Fremd-oder Selbstüberschätzung, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen bis hin zur völligen Erschöpfung. Wahnsinn ist – im Gegensatz zum Wahn – kein gebräuchlicher und klar definierter psychopathologischer oder psychiatrischer Begriff.


Wahn: Eine Definition
Wahn ist ein Symptom. Der Wahnerlebende ist unerschütterlich von etwas überzeugt, was nicht der Wirklichkeit entspricht. In den meisten Fällen ist Wahn mit Angst und Bedrohung assoziiert. Wahn kann bei verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen auftauchen, z.B. bei Schizophrenien oder psychotischen Depressionen.