zurück
Jeremy Wade
© Alexa Vachon

Wahnsinn Pathologie

Vier Inszenierungen bringen die pathologische Norm ins Schwanken

Dominik Müller, Gessnerallee Zürich

House of Hope and Care – das ist die Gessnerallee ganz besonders während der Festspiele Zürich. Es geht um Paranoia, eine Krankenschwester auf dem Schlachtfeld, um Hoffnungen, Ängste und um eine Klinik der Zukunft, in der es keine Diagnosen gibt, sondern nur radikale Teilnahme.

«In den Archiven der kleinen Stadt Cagliari auf Sardinien gibt es einen Bericht über eine erstaunliche Begebenheit.» Mit diesen Worten beginnt der wichtigste theatertheoretische Text, der von Krankheit handelt. Antonin Artaud entwickelt sein Theater der Grausamkeit aus einer Analogie heraus. Jene sprunghafte Übertragung von Affekten, die er im Fortgang der oben angerissenen Anekdote beschrieben findet, arbeitet er in seinem Text «Theater und die Pest» als einen Kern seiner Theateridee heraus. So machtvoll wie die Pest, die auf einem Schiff vorbeifährt, und die dem schlafenden Vize-König von Sardinien per Traum ihre Existenz vermittelt, so machtvoll soll auch die Bühnenkunst wirken. Der aus dem Traum erwachte König, weist das Schiff ab. So landet es mit seiner Ladung Pestkranker in Marseille, wo anschliessend viele tausend Menschen sterben. Die Pest an Bord steckte nicht nur die Besatzung an und diejenigen, die mit ihr in Berührung kamen, sondern durchsetzte zuvor auch die Träume des Vizekönigs. So kraftvoll war sie, dass ihr dies vom Schiff aus, über das Meer hinweg, bis in den Palast hinein gelingen konnte.

Artauds Parallelisierung von Pest und Kunst

Artauds Schilderungen der in Marseille um sich greifenden Epidemie legen einen weiteren zentralen Aspekt für sein Theater frei: die grausame, willkürliche Direktheit mit der die Seuche wirkt und mit der auch das Theater wirken soll. «Das Theater, das heisst die unmittelbare Willkür, die zu Akten ohne Nutzen und Gewinn für die Aktualität treibt.» Ihm fällt es tatsächlich ein, die Verheerungen der Pest parallel zu schalten mit seiner eigenen Kunst. Es sind wohl auch die Gedanken, die Artaud quälten und zu solch extremen Parallelisierungen führten, die ihn eine nicht unerhebliche Zeit seines Lebens in Kliniken und Sanatorien verbringen haben lassen. Nicht nur seine Theorie mutet verrückt an, sondern ihr Autor galt tatsächlich als klinisch verrückt – damals in den 1940ern.

Die grundlegende Idee der klinischen Verrücktheit gerät erst in den letzten 40 Jahren mehr und mehr ins Fadenkreuz kritischer Beobachter/-innen. Wer einmal selbst die Erfahrung mit einer psychiatrischen Einrichtung gemacht hat oder auch nur davon hört, welche Gewalt- und Stigmatisierungsprozesse in ihren Mauern ablaufen, der- oder diejenige spricht nicht mehr leichtfertig vom pathologischen Wahnsinn. Die ausschliessenden Zuschreibungen und die mit ihnen verbundenen (Zwangs-)Behandlungen, die das System Psychiatrie entwickelt, reproduziert und am Leben erhält, sind wenig geeignet die Menschen zu heilen.

Auch wenn einige solche Therapien brauchen, sind sie primär dazu gemacht, Betroffene aus der übrigen Gesellschaft auszusperren. Der Vorgang, bestimmte Wesens- und Wahrnehmungszustände als krankhaft zu definieren, ist mit diesem System unteilbar verbunden. Die Pathologisierungen pferchen all die Emotionen und Eindrücke, alle Stimmen und Ideen, die eine Person äussert – oder auch hört – in eine kleine gut ab-gegrenzte Box. Eine solche Box heisst dann vielleicht Psychose oder Depression oder bipolare Störung oder ganz besonders umstritten: Schizophrenie.

Raserei auf der Szene

Abgeschlossene, statische Boxen können die Sache der Kunst nicht sein, dachte sich Artaud. Sein Theatermodell ist ein dynamisches, schnelles, es gibt mehr Laute und Geräusche als Texte und Musik. Affekte treten an die Stelle von Interpretation. Seine Raumanordnung erlaubt es den Spieler/-innen, sich rings um das Publikum herum zu bewegen. Dieses sitzt auf drehbaren Stühlen, kann sich den umherlaufenden Akteur/-innen nachdrehen und so keine festgefahrenen Positionen für sich behaupten. Das setzt eine Wachsamkeit und Offenheit beim Publikum voraus, die es den Bühnenaffekten erlaubt, nach und nach auf den ganzen Saal überzugreifen. Nach Artaud ist Theater dann gut, wenn es alle erfasst hat. Oder um wieder in der Krankheitsmetapher zu sprechen, wenn der ganze Saal infiziert ist. Die Raserei, so nennt er den Wahnsinn, der auf der Szene stattfindet und von dort auf das Publikum überspringt, ist für ihn nicht etwas Schlechtes, sondern im Gegenteil die notwendige Keimzelle gelungener Bühnenkunst.

Im «House of Hope and Care», dem Programmschwerpunkt der Gessnerallee, vermeiden die versammelten künstlerischen Positionen jegliche Art der normierenden Zuschreibung an ihre Subjekte. Denn nichts anderes ist ja der «Wahnsinn Pathologie»: die willkürliche Erklärung Einzelner, dass jemand anders sei, als die Norm.

Jeremy Wades queere Florence Nightingale

Jeremy Wades «The Battlefield Nurse» tritt gleich mehrfach in Erscheinung. Die Kunstfigur, 5000 Jahre alt und eine Art queere Florence Nightingale, verbindet die beiden Programmpunkte «Between Sirens» und «The Future Clinic for Critical Care FCCC». In dieser Klinik der Zukunft gibt es keine Diagnosen, keine Behandlungspläne, keine vorgefertigten Rezepte. Teilnehmer/-innen und Publikum kommen zusammen, um füreinander Sorge zu tragen. Radikale Teilnahme am Leben der anderen als Hilfsangebot, so sieht die Zukunft bei Wade schon jetzt aus. Und am Ende feiern alle gemeinsam eine grosse Party.

«The Archive of Hope and Fear» ist die neueste Stufe eines langfristigen Projekts von J&J alias Jessica Huber und James Leadbitter. In öffentlichen Präsentationen und Workshops sammelten die beiden die Schilderungen der Hoffnungen und Ängste vieler Menschen. Für ihr Archiv trugen die beiden gut 400 Beiträge zusammen und überlegten sich, wie die Hoffnungen und Ängste so präsentiert werden könnten, dass sie in eine bessere Zukunft weisen. Und das, ohne sie dabei normativ oder museal zu fixieren.

Meg Stuart und Tim Etchells überwinden bei «Shown and Told» die Grenzen ihrer eigenen Genres. Die weltberühmte Tänzerin erprobt sich im sprachlichen Beschreiben, der Sprachvirtuose wagt sich an die Bewegung heran. Auch sie helfen und unterstützen sich gegenseitig, treten so ein in ein intimes und zugleich erstaunlich offenes Gespräch.

Nicht mal die «PARANOIA» bei Tobias Bühlmann und asuperheroscape, die zum Abschluss der Festspiele auf der Bühne stehen, ist eine pathologische Zuschreibung an einen bestimmten Angst-hasen. Vielmehr fungiert der Titel als Sammelbegriff für eine Unsicherheit, die zwischen den Menschen wabert. Insbesondere dann, wenn die gemeinsam geteilte Faktenbasis ins Wanken gerät. Wer hat denn da eigentlich Angst? Wir davor, dass die Verschwörungstheorien immer weiter um sich greifen und unsere heiss geliebte Ruhe stören, oder die Alu-Hut-Träger davor, dass die Regierung sie vom Flugzeug aus mit Chemikalien beregnet?


Veranstaltungshinweise

Archive of Hope & Fear
Mo 4. - So 17. Juni
Gessnerallee Zürich, Nordflügel

Future Clinic for Critical Care FCCC
Sa 16. Juni, 14.00
Provitreff Zürich

Between Sirens
Do 7. | Fr 8. | Sa 9. Juni
Gessnerallee, Halle

Schown and Told
Di 12. | Mi 13. Juni
Gessnerallee Zürich, Halle

Paranoid
Mi 20. | Do 21. | Fr 22. | Sa 23. | So 24. Juni
Gessnerallee Zürich