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Martin Heckmanns
© Max Zerrahn

Wahnsinn auf der Bühne

Starker Mann, du musst dein Leben ändern!

Ralf Fiedler und Martin Heckmanns, Theater Neumarkt

Zeiten des Übergangs brüten Monster aus – so eine aktuelle Diagnose des Psychoanalytikers Fethi Benslama. Auch die Männerwelt hat jüngst tiefe Erschütterungen erfahren. Me Too, Frauenquote, Laurie Penny ... Ist die Männerseele den Veränderungen noch gewachsen? Der Theaterautor Martin Heckmanns stellt sich in seiner neusten Komödie selbstironisch dieser Frage.

«Vermehrt Schönes!», hat der bekannte Liedermacher und Performancekünstler sein neues Konzertprogramm genannt, mit dem er nach längerer Pause noch einmal die Bühne erobern will «eher Bitte als Befehl / An Geister eher denn an Menschen / Dass eine Idee aufscheine». Aber schon bald muss er am eigenen Leib erfahren, wie seine Rolle als weisser, alternder Künstler, aus ihm bisher unbekannten Perspektiven, aggressiv befragt wird.

«Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus / Ich sieht Es nicht ein.»

Er wird im Schlafzimmer besucht («Es gibt kein Recht auf ein von der Geschichte unbelästigtes Leben»), seine Männlichkeit steht im Verdacht («Pass auf Dich auf. Sonst werden es andere tun»), sein Körper meldet sich («Ich bin Dein Körper. Aber Du beherrschst mich nicht»), sogar die Natur beginnt zu ihm zu sprechen («Isst Du Fleisch?»). Ehemalige Anhängerinnen erinnern ihn an seine soziale Verantwortung und die öffentliche Meinung reagiert scharf und direkt auf seine Äusserungen: «Warum soll ich Schönes schauen, wenn mir mein Leben im Anschluss hässlicher scheint im Kontrast?» Der zögerliche Jucker sieht sich konfrontiert mit den Debatten der Gegenwart, Schreckbildern und Vorwürfen, er fühlt sich verfolgt und sucht nach Fluchtwegen und Antworten und singt davon seine Lieder: «Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus / Ich sieht Es nicht ein, Ich schaut bloss heraus / Über Ich steht bedrohlich, Unter Ich hausen Geister/ Es spukt in den Räumen, von denen wir träumen». Man könnte ihn für wahnsinnig halten - aber ist Wahnsinn auf der Bühne nicht immer ein «Wahrsinn», der Irre ein Agent unserer Ängste, ein Stellvertreter, der uns Leiden und Aufwand erspart und bestenfalls lachen macht? Schon in Shakespeares Hamlet heisst es von Geistern und Geistersehern: «Vorboten schreckenvoller Ereignisse, Wunder-Zeichen, welche die Vorredner bevorstehender trauriger Auftritte sind, haben an Himmel und Erde sich vereiniget, dieses Land in furchtsame Erwartung irgendeines allgemeinen Unglücks zu setzen. Es ist ein Zufall, welchem schwer ist, auf den Grund zu sehen.» Am Ende steht ein Gericht aus vielen Stimmen und auch der Papst hat einen Auftritt: «Wir sind aufgefordert, eine Kultur des Dialogs zu fördern. Kultur des Dialogs bedeutet einen echten Lernprozess sowie eine Askese, die uns hilft, den Anderen als ebenbürtigen Gesprächspartner anzuerkennen, und die uns erlaubt, den Fremden als Subjekt zu betrachten, dem man als anerkanntem und geschätztem Gegenüber zuhört.»

Unter dem Arbeitstitel «Der Schwindel und sein Gegenteil» schreibt Martin Heckmanns ein Singspiel über einen männlichen Lebenswandel unserer Zeit und die Möglichkeiten der Kunst in einer veränderten Öffentlichkeit. Bitter und komisch zerstört er die Vorstellung eines starken Mannes und sucht mit ihm nach spielerischen Alternativen jenseits der wütenden Gegenrede und nach neuen Formen der Offenheit: «Du musst Dein Ändern leben, oder?»


Veranstaltungshinweis

Der Schwindel und sein Gegenteil
Do 7. | Sa 9. | Mi 13. | Do 14. | Mo 18. | Di 19. | Fr 22. | Sa 23. Juni
Theater Neumarkt