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Philipp Blom © Heike Bogenberger
Philipp Blom © Heike Bogenberger

VON ZUKUNFT DAMALS UND HEUTE

Gespräch mit Philipp Blom

Festspiele 2020

In «Die zerrissenen Jahre. 1918–1938» beschreibt der Historiker und Schriftsteller Philipp Blom die Zwischenkriegsjahre in all ihren Facetten vom Nachkriegstrauma über die Aufbruchstimmung bis hin zu den wankenden Demokratien und dem neuen Freiheitsgefühl des Jazz. Im Podiumsgespräch mit der Kunsthistorikerin und Kuratorin des Kunsthaus Zürich, Cathérine Hug, wirft er einen Blick in die Zukunft von damals und heute.

Cathérine Hug Ihr Titel «Der taumelnde Kontinent» ist das meistgelesene Buch über den Ersten Weltkrieg im deutschsprachigen Raum. Schliessen Sie mit «Die zerrissenen Jahre» daran an?

Philipp Blom Ich hatte es ursprünglich zwar nicht vor, aber ja! Das Europa der 1920er und 1930er Jahre mit seiner Kunst und Kultur hätte ohne die Erlebnisse des Ersten Weltkriegs nicht zu dem werden können, als was wir es heute kennen. Das war eine Erfahrung der absoluten Sinnlosigkeit, von der sich viele Europäer*innen nicht mehr erholt haben. Schon vor dem Krieg gab es eine «Krise der Männlichkeit». Die brillante Feministin Rosa Mayreder beschrieb «das Bureau, das Kontor, die Kanzlei, das Atelier» als «lauter Särge der Männlichkeit». Denn hier braucht man keinen physischen Mut mehr und keine Muskelkraft, sondern es kommt darauf an, auf welchen Knopf man drückt und in welchem Buch man nachschaut. Diese Krise glaubten viele Männer überwinden zu können, indem sie an die Front gingen. Sie sassen im Schützengraben, sahen zu, wie ihre Füsse buchstäblich wegfaulten und wurden beschossen von Artillerie, die 20 km entfernt stationiert war. Das heisst, sie waren dem hilflos und wehrlos ausgeliefert und es war auch völlig einerlei, wer ein Jude oder Katholik und wer ein Nationalist oder Kommunist war. Sie wurden alle von derselben Granate zerrissen. Kein Soldat konnte etwas ausrichten gegen ein Maschinengewehr, gegen einen Panzer, gegen Giftgas, gegen ein Flugzeug. Menschen wurden zum Industriegut des Todes. Dies zeigt sich auch in den Filmen der Zeit, zum Beispiel in Fritz Langs «Metropolis» – eine Dystopie, in der eine kleine Elite rauschende Feste feiert, während die meisten Menschen als Maschinenfutter unterirdisch schuften müssen.

CH Oder im legendären Film «Ballet Mécanique» mit Kiki de Montparnasse von Fernand Léger – ein Film, der auch in unserer Ausstellung zu sehen ist. Dies ist einer der wichtigsten französischen Experimentalfilme, der 1924 ausserhalb Frankreichs, in Wien, uraufgeführt wurde.

PB Ja, Fernand Léger war selbst Kriegsveteran, also jemand, der die völlige Desintegration menschlicher Körper aus nächster Nähe miterlebt hatte. Er machte dann unter dem Eindruck dieses schrecklichen Kriegs einen Film, in dem menschliche Körper auseinanderfliegen und zerfliessen und wo keinerlei organisierender Sinn mehr zu erkennen ist. Das ist auch populärkulturell ein wichtiges Motiv. Komödiantisch zum Beispiel in Charlie Chaplins «Modern Times», wo der Fliessbandarbeiter von der Maschine verschluckt wird. Die Angst vor der Maschine war eine Urangst der damaligen Zeit. Übrigens stammt auch das Wort Roboter aus dieser Zeit, aus einem Theaterstück eines tschechischen Schriftstellers namens Karel Čapek von 1920 ...

«In den 1920er Jahren fängt eine neue Welt an, mit einer ungeheuren Wucht und auch mit einer ungeheuren Brutalität.»

CH Eine der wichtigsten Maschinen jenseits des Krieges ist natürlich das Auto. Es steht sinnbildlich für die sich fortsetzende Beschleunigung, aber auch für eine andere zentrale Entwicklung, den «Fordismus» und die neue Massenproduktion am Fliessband.

PB Das, wofür Autos stehen, ist der Schlüssel zu dieser Zeit: das Leben in einer massenproduzierten Kultur. Natürlich, es gibt wie immer eine gewisse Ungleichzeitigkeit. Man konnte ja auch in Zürich in ein dadaistisches Café gehen und dort die erstaunlichsten Dinge sehen und 30 km weg von Zürich mitten im 19. Jahrhundert leben. Dennoch: Die Massenproduktion machte grössere Städte möglich, einen anderen Lebensrhythmus, schnelleren Informationsaustausch ... Andererseits fängt eine andere Welt an, mit einer ungeheuren Wucht und auch mit einer ungeheuren Brutalität, die die traditionellen Lebensweisen einfach wegfegt.

CH Und ein Neffe von Sigmund Freud hat die passende Ökonomie zu diesen Nachkriegsentwicklungen erfunden: Edward Bernays. Es war sprichwörtlich die Geburtsstunde der psychologisch konditionierten Werbung. Was ist damit gemeint?

PB Er nannte sich selbst Public Relations Expert und war der Neffe von Sigmund Freud. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten US-amerikanische Fabrikanten ein Problem: Sie waren mit der Kriegsproduktion zwar reich geworden, hatten aber nun schlagartig kein Geschäft mehr – bei sehr hoher Produktionskapazität. Sie fürchteten soziale Unruhen, wenn Hunderttausende arbeitslos würden. Bernays Antwort lautete: Wenn wir die Bedürfnisse der Menschen gestillt haben, dann müssen wir dafür sorgen, dass sie mehr Bedürfnisse haben. Statt zu argumentieren, «Kauf dieses Auto, das fährt ewig, braucht wenig Benzin und ist wartungsarm», solle man sagen: «Kauf dieses Auto, dann bist du ein echter Mann!» Und das ist der Anfang des Identitätskaufs durch Konsum. Ja, in dieser Welt leben wir heute. Bernays’ Hauptwerk heisst übrigens «Propaganda» und Josef Goebbels hat es sehr bewundert.

«Vielleicht war dann die folgende Zeit, die Zwischenkriegszeit, am Anfang wirklich ein ‹Rausch des Jetzt›.»

CH Die strategischen Grundlagen der PR, der so genannten Öffentlichkeitsarbeit, sind heute im Wesentlichen die gleichen wie zu Bernays’ Zeiten. In welche Zukunft blickten die 1920er Jahre, in welche Zukunft blicken wir heute, an der Schwelle zu den 2020er Jahren?

PB Die Zukunft vor dem Ersten Weltkrieg war eine Zukunft des unbegrenzten Optimismus, in der man wirklich glaubte, Wissenschaft und Medizin könnten alle Fragen lösen, könnten Hunger, Krankheit, vielleicht sogar Tod abschaffen. Und dann haben wir im Ersten Weltkrieg gelernt, wie ambivalent diese technologische Macht ist, dass sie sich genauso gut gegen die Menschen wenden kann. Vielleicht war dann die folgende Zeit, die Zwischenkriegszeit, am Anfang wirklich ein «Rausch des Jetzt». Es gab diese Energie: «Wir leben noch und wir wollen das Leben feiern». Und man wollte sich von der Tradition, die in die Katastrophe geführt hat, nichts mehr sagen lassen! Es gab die Hoffnung, dass man eine neue Welt entstehen lassen könne, eine moderne, grossartige neue Welt aus Städten. Das kippt aber mit der Wirtschaftskrise 1929, sie hat die Hoffnung auf eine moderne Zukunft abermals gebrochen. Dann sind bekanntlich Modelle zurückgekommen wie Nationalismus und Faschismus, weil sie den Menschen ein viel stärkeres Angebot bezüglich Identität machen. Und diese Identität ist wichtig, besonders, wenn man selbst ganz unten ist. Wenn wir daraus versuchen eine Parallele zu konstruieren, kommen wir sehr bald zur Wirtschaftskrise 2008, die für viele Menschen ihr Vertrauen in die Demokratie zutiefst erschüttert hat. Wohin das führen wird, wissen wir selbstverständlich noch nicht, aber wir sehen das Erstarken von sogenannten illiberalen Demokratien und von faschistischen Bewegungen. Der Mechanismus des Konsums hat damals in der Nachkriegszeit sehr gut funktioniert, weil erstens Menschen sich an mörderische, messianische Träume gehängt hatten, und zweitens weil die Wirtschaft völlig zerstört war und die Menschen wirklich nichts hatten. Da war der Konsum ein Motor für die Wirtschaft. Heute haben sich diese Verhältnisse geändert, heute sind die meisten Bedürfnisse der meisten Menschen gedeckt. Die Armutskrankheit ist die Fettleibigkeit und numerisch ein viel grösseres Problem als der Hungertod. Und die Natur macht den Ressourcenverbrauch nicht länger mit. [Wendet sich ans Publikum] Wer von Ihnen glaubt, so wie die Wirtschaft jetzt aufgestellt ist, könnte sie die nächsten 50 Jahre funktionieren? [Keine Meldungen] Ist das nicht erstaunlich? Wenn ich diese Frage vor 100 Jahren gestellt hätte, hätten Sie wahrscheinlich alle ihre Hände gehoben. Das heisst, dass wir wegkommen müssen von diesem Modell des identitätsstiftenden Konsums und unsere Identitäten aus etwas anderem heraus speisen müssen. Das ist eine kulturelle Revolution! Aber das ist nun mal so mit der Zukunft, sie ist meistens noch ziemlich unbekannt. Nur weil wir schon so lange ohne einen Krieg und in stabilen, wohlhabenden Demokratien leben, heisst das nicht, dass das auch noch morgen so ist. Wir leben inzwischen in sehr unsicheren Verhältnissen. Unsere demokratische und wirtschaftliche Ordnung stammt aus der Nachkriegszeit und funktioniert in Gesellschaften mit einer starken digitalen Kommunikation nicht mehr. Wir müssen neue Modelle finden, wie wir Menschen demokratisch einbinden können, wie wir ihnen eine Stimme geben können, sonst werden sie das Interesse an der Demokratie verlieren. Wir sind jetzt noch wohlhabend, haben starke Institutionen, eine starke Zivilgesellschaft. Jetzt wäre der Zeitpunkt, neue Strukturen zu schaffen. Sonst leben wir in eine Zukunft hinein, die wahrscheinlich keine gute sein wird. Ich habe viel zur Aufklärung gearbeitet und mich gefragt, warum Aufklärungsutopien alle gescheitert sind. Ich bin am Beispiel der Dampfmaschine, die ja in 30 Jahren die ganze Welt verändert hat, auf einen Gedanken gekommen: Die Aufklärer dachten an eine graduelle Veränderung der Gesellschaft, nicht an eine explosive.


Autor und Historiker Philipp Blom verbindet in seinem Schreiben historische Forschung, philosophische Erkundungen und gelegentlich Belletristik. Mehrere seiner Bücher sind Bestseller. Seine Werke wurden in 16 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Basierend auf dem Buch «Der taumelnde Kontinent» schrieb Blom 2013 auch die preisgekrönte gleichnamige Dokumentarserie. Vor dem Hintergrund von gegenwärtigen Umbrüchen wie der Erderwärmung und der Digitalisierung wendet er sich in seinem Buch «Was auf dem Spiel steht» (2017) verstärkt Gegenwarts- und Zukunftsthemen zu.

Der Text ist ein Auszug aus einem Podiumsgespräch, das am 20.November 2019 im Kunsthaus Zürich mit dem Supporter-Club der Festspiele stattgefunden hat. Das Gespräch führte Cathérine Hug, Kuratorin der Ausstellung «Schall und Rauch. Die wilden Zwanziger», die vom 24. April bis zum 19. Juli 2020 im Kunsthaus zu sehen ist. Sie arbeitet seit 2013 am Kunsthaus Zürich, wo sie u.a. die Ausstellung «Fly me to the Moon. 50 Jahre Mondlandung» sowie Retrospektiven zu Francis Picabia und Oskar Kokoschka kuratierte.