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Jeanne Duval
© Museum of Fine Arts, Budapest

Vom Sprengen Strenger Etikette, Reformkleid und Schuh-Hut

Cathérine Hug, Kunsthaus Zürich

Mode bewegt, erleichtert und provoziert. Vor allem, wenn sie von selbstbewussten Frauen gemacht wird. Im (fiktiven) Gespräch erinnern sich Rose Bertin (1747–1813), Emilie Flöge (1874–1952) und Elsa Schiaparelli (1890–1973) ihrer wichtigsten Errungenschaften als Modeschöpferinnen, die Geschichte schrieben. Ihre Arbeiten haben viel zu wichtigen Gesellschaftsänderungen beigetragen.

CATHERINE HUG Man sagt, Sie seien die erste Modeschöpferin überhaupt, in den Worten ihrer Biografin Michelle Sapori eine «Alchimistin der Mode». Der Schriftsteller Stefan Zweig sagte sogar, sie übten auf Königin Marie Antoinette mehr Macht aus als alle Staatsminister, wie erklären Sie sich das?

ROSE BERTIN Mode habe ich nicht erfunden, es gab sie schon ab dem 12. Jh. und sie war zunächst hauptsächlich eine Angelegenheit von Männern am Burgunder Hof. 1770, mit 23 Jahren, eröffnete ich das Kleidergeschäft «Au Grand Mogol» in Paris, wo erstmals die ganze Ausstattung einer modebewussten Frau vom Muff und Fächer über die Schuhe bis hin zum Reifrock und Schwangerschaftskleid zu finden war. In weniger als einem Jahrzehnt hatte ich Kundinnen in ganz Europa, von England und Spanien über Dänemark und Schweden bis Russland. Ich entwarf nicht direkt Einzelstücke, vielmehr suchte ich als «marchande de modes», also Modehändlerin, die geschmackvolle Kombination der Einzelstücke. Mein modetechnisch grösster Verdienst lag wohl in der Erleichterung der Silhouette, oder anders ausgedrückt: Im Sprengen der strengen Etikette von Louis XIV, wofür Marie Antoinettes Erscheinung, die ich von 1774 bis 1793 zweimal wöchentlich mit neuen Kleider- und Hutkreationen belieferte, bekannt war (Abb. 1). Merkwürdigerweise sollte der Reifrock, der zu unserer Zeit und spätestens mit der französischen Revolution im Begriff war abgeschafft zu werden, später zu Kaiserin Eugénies Zeiten wieder in Mode kommen.

EMILIE FLÖGE Genau, in der Zeit des Second Empire unter der Herrschaft von Napoleon III. war der bereits tot geglaubte Reifrock plötzlich wieder modisch. Édouard Manet brachte in seinem Ganzkörperbildnis von Jeanne Duval (Abb. 2) die höchst umständlichen Charakteristiken dieses Kleidungsstücks zur Geltung. Kess lässt die Porträtierte unter dem Kleiderberg ihren Fuss zum Vorschein treten. Ihr Geliebter Charles Baudelaire war ein zwar enthusiastischer, aber deswegen nicht unkritischer Kommentator seiner Zeit und schrieb 1863 über die Mode, dass sie «Varietät» aufweisen, also in ihrer Abwechslung überraschend sein müsse, um schön zu sein. Trotz politisch konservativer Grundstimmung ist es jene Zeit, die – vor allem infolge der industriellen Revolution – den ersten, europaweit gefragten Modeschöpfer hervorbrachte, Charles Frederick Worth (1825–1895).

Sie haben noch gar nichts über sich gesagt, wie steht es denn um das Reformkleid, das Sie und Ihre beiden Schwestern Helene und Pauline wesentlich mitgeprägt haben?

FLÖGE Um die Dringlichkeit des Reformkleides begreifen zu können, muss man seine Vorläufer kennen, also die Ausgangslage, die überhaupt reformiert werden sollte. Im Wesentlichen war besonders die Frauenmode im 19. Jh. extrem einengend, wie wir es vom Korsett in Kombination mit dem Reifrock kennen. Aber die unaufhaltsam wachsende Mobilität der Frauen verlangte nach praktischerer Kleidung. Damit sind die Kleiderreformbewegungen, die sich ab 1881 mit der Rational Dress Society in England und ab 1887 in Frankreich formierten und allmählich institutionalisierten, der Ausdruck einer weitaus tiefgreifenderen Gesellschaftsveränderung, nämlich jener der Gleichstellung zwischen Mann und Frau. Dabei waren es aber vor allem die Kunst und Architektur im Zeichen von Peter Behrens, Henry und Maria van de Velde sowie meinem Lebensgefährten Gustav Klimt, die den Anstoss zum Reformkleid gegeben haben (Abb. 3).

Elsa Schiaparelli, Sie gingen noch einen Schritt weiter, indem Sie sich weder als künstlerische Modeschöpferin noch als modemachende Künstlerin verstanden, sondern mit Künstlern zusammenarbeiteten. Wie hat sich diese Zusammenarbeit mit Salvador Dalí gestaltet? Die Künstlerin Mai-Thu Perret widmete eurer Kollaboration 2011 sogar eine Hommage (Abb. 4).

ELSA SCHIAPARELLI Meine verrücktesten Kollektionen habe ich Dalí zu verdanken! Aber dem von Perret thematisierten Skelett-Abendkleid (1938) gingen andere surrealistische Kreationen mit Ikonencharakter voraus, wie das Lobsterkleid oder der Schuh-Hut (beide 1937). Diese Designs waren ja nicht wirklich schön, und das zeigten auch die entsetzten Reaktionen der Leute, aber sie trafen den Nerv der Zeit, der Ende der 1930er-Jahre mit dem sich ankündigenden Zweiten Weltkrieg alles andere als erfreulich war. Die Alltagsmode war zu jener Zeit sehr bieder und die aufkommenden Trachten zudem regional-chauvinistisch geprägt. Diese verharmlosende und verniedlichende Mode verbarg aber das wahre Gesicht des epidemisch aufkeimenden Nationalismus. Das Skelett-Kleid brachte dagegen etwas ganz anderes zum Ausdruck, und zwar die verkappte Morbidität jener Zeit, die in diesem Kleid komplett nach aussen gestülpt worden ist!

Mode ist also Spiegel ihrer Zeit, aber wenn sie gut ist, verkörpert sie gleichsam ihre Kritik daran und trägt damit zu wichtigen Gesellschaftsveränderungen bei. Ich danke für die epocheübergreifenden Beiträge!


Veranstaltungshinweis

Fashion Drive - Extreme Mode in der Kunst
Fr 20. April - Do 15. Juli
Kunsthaus Zürich