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Belén Montoliú
© Pierre de Senarclens

Uns interessiert das Kippmoment

Interview mit Belén Montoliú und Alexander Keil

Nora Zukker

Belén Montoliú und Alexander Keil entwickeln ihr Programm im Dialog mit den Kulturinstitutionen. Zum ersten Mal gibt es dieses Jahr ein Festspielzentrum auf dem Münsterhof und die Bevölkerung wird zu einer wichtigen Akteurin der Festspiele Zürich.

Wie haben Sie beide die Begriffe Schönheit und Wahnsinn zu Beginn Ihrer Arbeit eingegrenzt und diskutiert?

A. K. Der Ausgangspunkt war diese merkwürdige, aber sinnliche Polarität, die ja eigentlich keine ist. Wir sprechen nicht von Schönheit und Hässlichkeit, sondern von Schönheit und Wahnsinn. Das Spannungsfeld dazwischen interessierte uns.

B. M. Es sind beides abstrakte Konzepte und eben keine Gegenpole. Wir fragten uns: Wo findet man innerhalb der Gesellschaft Schönheit und Wahnsinn zusammen? Gibt es Grenzen? Und wo kippt das eine ins andere?

A. K. Wir hatten es dann doch als Gegenpool benutzt und für uns das Bild geschaffen von zweien, die sich gegenüber stehen und zwischen ihnen ein magnetisches Feld. Anziehung, Abstossung – diese Kräfte haben uns interessiert. Wenn wir über den Kippmoment sprechen, sprechen wir immer auch über Selbstoptimierung.

B. M. Lookismus ist ein gutes Beispiel: Alles was aus der Norm fällt, wird ausgegrenzt. Wir haben überlegt, wie kann sich ein kulturell-gesellschaftliches Schönheitsideal durch Besessenheit in den Wahnsinn verwandeln.

Sie haben vorher die Selbstoptimierung angesprochen. Eines der vier Unterthemen neben Schönheitsideal, Kreativer Wahnsinn und Pathologischer Wahnsinn. Das sind ambitionierte Themenfelder. Wie verhindern Sie Unschärfe oder Beliebigkeit im Programm?

B. M. Wir haben sechs Monate nur diskutiert. Die Unterthemen grenzen für uns das Festspielmotto ein. Sie geben uns eine Struktur vor.

A. K. Wir sind ja kein Diskursfestival. Das Programm ist nicht vollständig, im Gegenteil: Wir haben nicht den Anspruch, die Welt zu erklären, denn «Schönheit/Wahnsinn» hat auch nicht den Anspruch, die Welt zu beschreiben.

B. M. Eine Frage beim kreativen Wahnsinn kann sein: Hat der Künstler eine Biografie dahinter oder ist es nur eine Pose? Für mich kann der pathologische Wahnsinn die Folge der Suche nach Identität und Perfektion sein – das letzte Stadium des besessen Versuches, Schönheit zu schaffen und dafür jegliche Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

Alexander Keil
© Pierre de Senarclens

Wie empfänglich ist Zürich für die Thematik der Festspiele? Bei Schönheitsideal und Selbstoptimierung sind die Zürcherinnen und Zürcher sicherlich vorne mit dabei. Aber beim Wahnsinn?

B. M. Es sind gesellschaftliche Themen. Das ist ja alles da, auch in Zürich. Burnout, Depression, Menschen, die Medikamente nehmen. Die Probleme werden aber versteckt.

A. K. Das ist hier aber nicht anders, als in anderen Städten. Es ist ein westliches, wenn nicht globales Thema.

B. M. Ein Indikator für Wahnsinn wäre die Frage nach dem Perfektionismus. Wie viel ist man bereit zu geben, um einem Schönheitsideal zu entsprechen? Wie perfektionistisch ist eine Stadt und ihre Bevölkerung? Perfektionismus ist ein privates Thema, aber die Frage nach dem Wunsch nach Perfektion innerhalb einer Gesellschaft ist auch die Annäherung an den Wahnsinn.

Sie entwickeln Ihr Programm im Dialog mit rund dreissig Kulturinstitutionen.

A. K. Ja, wir haben das Programm im engen Dialog mit über 30 Institutionen entwickelt, hatten eigene Ideen und Vorstellungen, mit denen die Gespräche begannen, die dann diskutiert, erweitert, manchmal verworfen wurden und sich erst im Dialog zu gemeinsamen Gedanken formten..

B. M. Es ist wie ein Schachspiel mit einem offenen Schluss. Und es funktioniert nur, wenn alle Häuser ihre eigene Sprache beibehalten. Ein Thema dramaturgisch anzureichern, ist Grundbestandteil unserer Arbeit. Wir fragen uns beispielsweise, wie können wir einen Vortrag zu einem Erlebnis machen?

Neuerdings finden die Festspiele nur alle zwei Jahre statt, was verändert sich dadurch?

A. K. Am stärksten wird man dieses Jahr den Münsterhof spüren, der zum Zentrum wird und damit die Festspiele in die Stadt hineinträgt. Aber wir sind auch immer ein Jahr weg, was nicht ideal ist. Wie die Stadt reagiert, sehen wir erst im Juni, vorher entwickeln wir alles in der eigenen Fantasie.

B. M. Dank der zwei Jahre haben wir mehr Zeit, uns ausführlich in die Themen einzuarbeiten sowie Stadt und Bevölkerung kennenzulernen.

Was wünschen Sie Zürich und sich für die Festspiele?

A. K. Eine wie auch immer geartete Reaktion. Ich finde es gut, wenn man sich dazu verhält, und es wäre schön, wenn man spürt, dass während der drei Wochen etwas anders ist in der Stadt.

B. M. Es war uns wichtig, dass die Festspiele eine Zürcher Identität haben. Lustig, dass ich das als Spanierin sage – aber genau das ist meine Aufgabe. Mehr als die Hälfte der Künstler wird aus der Schweiz kommen.

A. K. Wir sind hyperlokal!

B. M. Und lokal ist nicht negativ konnotiert. Nur wenn sich die Menschen damit identifizieren, kann man später international werden, wenn man das möchte.

A. K. Internationalität haben wir täglich in unseren Programmen, in allen Kulturinstitutionen haben wir herausragende Leute, die nach Zürich kommen. Aber was macht die Festspiele besonders? Wir werden den Münsterhof mit unseren eigenen Veranstaltungen quasi zum anderen hinzufügen.

B. M. Damit wir dadurch nicht die Perspektive der Passanten vergessen. Uns ist es sehr wichtig, dass das breite Publikum einen Zugang findet und wir uns nicht in einem Metadiskurs bewegen und dadurch jemanden ausschliessen.

Und wie erreicht man Kinder oder Familien? Der informiert-kultivierte Opernhausgänger wird ja so oder so in die Oper oder ins Theater gehen.

A. K. Ja, der Opernhaus-Abonnent merkt vielleicht gar nicht, dass er Poppea im Rahmen der Festspiele besucht. Ein grosser Teil hängt aber von der Aktivierung der Bevölkerung ab. Wenn es uns gelingt, dass wir diese Menschen wach machen, haben wir viel erreicht.

B. M. Wir haben unsere eigenen Veranstaltungen auf die Wochenenden gelegt, um in der Stadt eine Festivalatmosphäre zu erzeugen und dadurch aufzufallen. Das Festspielzentrum ist eine Kunstinstallation.