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Gast Anja Gada und Social Media Pilotin Katja Pilisi
Gast Anja Gada und Social Media Pilotin Katja Pilisi

The Roaring Stopover

Anja Gada zu Besuch bei den Festspielen

Anja Gada

Perplex stehe ich am Eingang. Ist nicht im Februar Karneval-Saison? Mein zweiter Gedankengang: Ich bin total underdressed. Elegante Flappergirls, Zeppelin-Piloten (und Jodler?!) bilden einen beachtlichen Anteil der Gäste im sich fortlaufend füllenden Hauptquartier der Festspiele Zürich, das dank der Pflanzen-Trennwand und der halbhohen Büroboxen einem trendigen Coworking-Space eines jungen Start-Ups gleicht. An der Wand hängt ein Mindmap aus Legosteinen, bei der mein kleiner Bruder sicher begeistert mitgebaut hätte, was wiederum nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Organisation führte.

Die Vorstellung beginnt: Wenn es eine Schweizer Version von «One Direction» gäbe, dann der Jodlerklub «Bergbrünneli» aus Küsnacht. Nur können die sechs erstaunlich jungen Künstler im Vergleich zu den englischen Halbstarken auch tatsächlich singen. Nicht minder speziell ist die musikalische Untermalung der Lesung des «Monsterhofs», geschrieben von einer Zürcher Schulklasse im JULL – Jungen Literaturlabor. Anstelle einer zwanzigköpfigen Schülerschar erzählen jedoch drei Erwachsene einen Ausschnitt, dazu Didgeridoo-ähnliche Klänge, Gepfeife, Krach und Schauspielerei. Köstlich.

Wie Sardinen in der Dose drehen wir uns um 180 Grad, der Raum ist zum Bersten voll, um den nächsten Künstler*innen zuzuschauen, diesmal Stellvertreter*innen des Zirkusquartiers, die ich in diesem Moment um ihren Platz beneide. Die Artistin nutzt ihre Chance, sich auf der Minibühne als einzige frei bewegen zu können, balanciert dazu gleichzeitig einen knallroten Ball, «Kontaktjonglage» nennt sich das offenbar. Kleine Nebeninformation: Sie selbst ist die Erfinderin dieses Performancestils. Ein Highlight jagt das nächste: Nach der Bekanntgabe der diesjährigen Preisträgerin des Festspielpreises, Antje Schupp, entfacht die Videonachricht des Tonhallenorchesters eine allgemeine Empathie-Welle für den auf dem Filmchen zu sehenden Schlagzeuger: Boléro steht auf dem Festspiel-Programm. Und genauso energiegeladen und spannungsvoll wie Ravels Stück komponiert worden ist, erwarten ich nun den Startschuss der Festspiele Zürich. Die Kostproben der sieben total unterschiedlichen künstlerischen Darbietungen lassen mich hungrig nach mehr zurück. Zu meinem Glück gibt’s jetzt erst mal Apéro riche.

Anja Gada hat letzten Sommer in einem Kinofilm mitgemacht, ist beim Klimastreik aktiv und arbeitet nebenher im Kaffeehaus zur Weltkugel im JULL.

Foto © Josef Brunner Fotografie