zurück
Poppea

Sieg der Liebe?

Schönheit und Wahnsinn in Monteverdis «L’incoronazione di Poppea»

Beate Breidenbach, Opernhaus Zürich

Die Oper mit Poppea und Nero in den Hauptrollen ist, obwohl 370 Jahre alt, von verblüffender Aktualität: Es geht um Schönheitsideale und die Frage nach der Macht der Frau.

Wahnsinn bietet die Oper seit dem 17. Jahrhundert: echten und gespielten Wahnsinn, vorübergehenden und unheilbaren Wahnsinn und – natürlich – den Wahnsinn der Liebe. Berühmtestes Beispiel ist Donizettis Lucia di Lammermoor, deren Titelheldin vor Schmerz über ihre unmögliche Liebe den Verstand verliert, ihren Bräutigam ersticht und schliesslich stirbt. Aber in der Oper kennen wir auch den Wahnsinn der Schuld (Verdis Lady Macbeth), den Wahnsinn der Spielsucht (Hermann in Pique Dame) oder den Wahnsinn als Resultat eines Pakts mit dem Teufel (Tom Rakewell in The Rake’s Progress). Viele weitere Beispiele liessen sich aufzählen und immer erzeugen solche durch den Wahnsinn der Figuren hervorgerufenen emotionalen Extremsituationen in der Oper grossartige Musik.

Schönheit als Währung

Eine klassische «Wahnsinnsszene» gibt es in Monteverdis L’incoronazione di Poppea zwar nicht – aber eine Figur, deren seelische Verfassung an den Wahnsinn grenzt: Es ist Nero, der mit 19 Jahren römischer Kaiser wurde und wilde Orgien feierte, um seine unersättliche sexuelle Gier zu befriedigen; der sowohl mit Frauen als auch mit Knaben verkehrt hat und seine Freunde zwang, Gelage auszurichten, die Unsummen verschlangen. Die Schönheit Poppeas hat Neros Gier auf besondere Weise angestachelt: Er musste sie um jeden Preis besitzen, verstiess dafür seine Ehefrau Ottavia und trieb seinen ehemaligen Lehrer Seneca in den Selbstmord. Poppea wusste ihre Schönheit äusserst berechnend einzusetzen – sie war die Währung, mit der Poppea kaufte, was sie haben wollte: die für sie bestmögliche Lebenssituation, verbunden mit der Macht an Neros Seite.

Zwischen Liebe und Lust

Monteverdis Textdichter Busenello gehörte der venezianischen Accademia degli Incogniti an, deren Mitglieder das Gedankengut der Antike wiederentdeckten. Eines ihrer wichtigsten Themen war die Liebe und ihr Verhältnis zur Schönheit. Wie schon der Dichter Tacitus, so betonten auch die Incogniti die grosse Differenz zwischen Schein und Sein, der wahren Liebe und der Lust, der wirklichen, inneren Schönheit und der äusseren Schönheit der Erscheinung. Zweifellos endet Poppea mit einem der schönsten Liebesduette der Operngeschichte. Die Vereinigung der Liebenden hat Monteverdi in der ständigen Annäherung, schliesslich Umschlingung der Stimmen Poppeas und Neros musikalisch abgebildet. Eine Musik von fast überirdischer Schönheit, fast zu schön, um wahr zu sein. Im Prolog der Oper treten die Tugend (Virtù), das Glück (Fortuna) und die Liebe (Amor) auf; Amor wird den Wettstreit der drei am Ende gewinnen.

Aber ist es wirklich die Liebe, die hier gesiegt hat? Oder doch die Lust, die Illusion der Liebe, die der Schönheit erliegt, auch wenn sie nur äusserlich ist und die wahre Natur des Menschen verbirgt? Und geht es aus heutiger Perspektive in dieser über 370 Jahre alten Oper nicht auch um Selbstoptimierung und die Frage: Wie schlage ich aus meiner Schönheit am meisten Kapital? Was bedeutet Macht heute für eine Frau? Und welche Rolle spielt dabei die Schönheit ihres Körpers?

Monteverdis Publikum wusste, was aus der Verbindung von Nero und Poppea geworden war, und konnte den «Sieg der Liebe» relativieren: Drei Jahre nach der Hochzeit hat Nero die schwangere Poppea ermordet. Im Wahnsinn?


Veranstaltungshinweis

L’incoronazione di Poppea
So 24. Juni, 19.00
Opernhaus Zürich