zurück
Sommernachtsball
Foto: Theater Neumarkt

Schönheit

Im Himmel und auf Erden

Joachim Landkammer, Zeppelin Universität Friedrichshafen

Schönheit gibt es nur als idealisierte Vorstellung, denn alles konkrete Schöne ist vergänglich. Schönheitsideale verschleiern dies und verhindern die schlichte pragmatische Erkenntnis: Schönheit ist nützlich und konkret dort präsent, wo man «es sich schön macht» – auch wenn das nach Spiesser-Idyll klingt.

Schönheitsideale sind Resultate von Operationen der gedanklich-abstrakten wie bildlich-konkreten Idealisierung. Früher waren dafür sogenannte «Künstler» zuständig, heute nähren sie Designer, Kosmetiker, Chirurgen ... Sie alle hielten und halten «das Schöne» als etwas fest, dem Flüchtigkeit, Riskanz, Vergänglichkeit und Relativität unüberwindbar eingeschrieben sind. Überzeitliche, unvergängliche Schönheit gibt es nur als idealisierte Arretierung eines Moments: Bereits ein kurzer Gang durch antike Skulpturensammlungen und Gemäldegalerien zeigt, dass früher offenbar ganz anderes als «ideal schön» galt. Und weil all dies bildlich versammelte Schöne bereits zu jener Zeit nicht sehr lange schön war (jedes Gesicht verfällt, jede Gestalt zerfällt, jedes Gebäude wird zur Ruine, jede Landschaft wird verschandelt – vgl. Fausts Wette mit dem Teufel), erwächst der Verdacht, dass nichts je «wirklich schön» war. Wer etwas schöner macht, als es auf Dauer sein wird, tendiert auch dazu, es schöner zu machen, als es jetzt schon ist. Schönheit ist und war immer schon, von allem Anfang an: nur ein «Ideal».

Schönheit als Glücksversprechen

Die enttäuschende Irrealität des Schönen kann zwar zu mannigfacher melancholischer Klage Anlass geben, entlastet aber auch von der frustrierenden Suche nach wahrer, bleibender und insofern «idealer» Schönheit. Relativ entspannt lässt sich dann die Frage stellen, warum auch der blosse Schein, die gängige Konvention, die unhinterfragte Oberflächlichkeit des (herkömmlich eben sogenannten) «Schönen» rein funktional schon genügt: offenbar, weil es sowieso nie um «Schönheit» selbst geht. Sie weist immer über sich hinaus, sie fungiert als «Glücksversprechen» (Stendhal), als trickreicher Selektionsanreiz der Evolution zur privilegierten Reproduktion der (scheinbar) Gesunden, als Instrument zur Demonstration von Macht, als Lockmittel zur Verführung von Käufern, Freiern, Theaterabonnenten ...

Ästhetische Atmosphäre und Geselligkeitswille

Wenn Schönheit sich also sowieso nur durch Brauchbarkeit legitimiert, lässt sich auch einer ent-idealisierten, alltagstauglichen Version des Schönen etwas abgewinnen: einer, bei der es als Kriterium für ein Interaktionsverhalten herhalten muss, in dem es nicht mehr als Objekt oder als Produkt, sondern nur noch mit dem Status eines Adverbs auftritt; nämlich dort, wo man «es sich schön macht». Diese Phrase, mit der man das kleinbürgerliche Spiesser-Idyll schlechthin verbindet, mit Billigmöbeln, Steppkissenbezügen, Kitschfigürchen und bornierter Feierabend-Genügsamkeit («abends machen wir es uns immer schön»), zieht jedes moralisch oft so überladene Schönheitsideal hinunter auf die Ebene der sog. einfachen Leute mit ihren sog. einfachen Bedürfnissen, Erwartungen, Fähigkeiten. Aber erst dort, im konkret-lebensnahen Kontext des unprätentiösen Zusammenseins von Menschen, erst dann, wenn das Schöne nichts von aussen Vorgegebenes ist, sondern eine – wie sehr auch immer standardisierte, kaum «originelle» – ästhetische Atmosphäre darstellt, deren Existenz sich dem zwanglosen Kooperations- und Geselligkeitswillen der zur «Schönheit» des Augenblicks beitragenden Anwesenden verdankt: erst hier ist Schönheit vom Himmel ihrer Idealität zu den Häusern der Menschen hinuntergestiegen – «und hat unter uns gewohnt».