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Güzin Kar
© Melek Kaya

Schönheit für alle

niemand muss sich uneingeschränkt lieben

Güzin Kar, Schauspielhaus Zürich

Keine Frau muss sich heute noch schinden, um jünger und schlanker auszusehen. Stattdessen gilt es, sich zu lieben, wie man ist. Dabei hat Frau doch ein Recht auf Hadern, Zweifeln, Scheitern.

Als Kioskliteratur-affine Frau konnte man sich bis anhin zwischen «Bikinifigur in drei Tagen», «20 Tricks, die Sie jünger aussehen lassen» und «Problemzonen elegant kaschieren» entscheiden. In den letzten Jahren hat sich eine vierte Möglichkeit aufgetan: «Frauen, liebt euch, wie ihr seid!» Gemeint ist, sich so zu lieben, wie einen Natur, Pasta und innerer Schweinehund modelliert haben. «Schönheit durch Zufriedenheit!», «Wir alle sind Beauty-Queens», «Mein Fett, mein Kapital»: Die Body-Posititivity-Bewegung lädt zur grossen Party. Und ich muss gestehen, das macht mir erst richtig Angst. Das Gebot der unbedingten, weiblichen Selbstliebe schüchtert mich dermassen ein, dass ich mich frage, ob ich überhaupt dazu befähigt bin, eine Frau zu sei.

Der neue Zwang zur Selbstliebe

Dabei habe ich nichts gegen Falten, Dellen und Winkfleisch, weder an Frauen, noch an Männern. Ich habe etwas gegen den Körper an sich. Der menschliche Leib ist unfreiwillig komisch, und dies nicht nur dann, wenn er Selbst- oder Fremdansprüche nicht zu erfüllen vermag, sondern immer. Er ist eine unauflösliche Gleichung, bei der immer ein Rest übrig bleibt, denn auch die heftigste Selbstliebe, das lustvollste Ernährungsprogramm und das feurigste Kopulationsverhalten werden uns nicht davon abhalten, dass wir am Ende verlieren. Bestimmt bin ich Opfer irgendeiner frühkindlichen Störung in der Selbstwahrnehmung sowie eines unausbalancierten Vater-, Mutter-, Tanten- und Onkelverhältnisses. Falls Sie sich in der Materie auskennen, analysieren Sie mich. Nur zu, unterstellen Sie mir ruhig alle Traumata, die Sie kennen. Ich bleibe dabei: Der neue Zwang zur Selbstliebe und zu unerschütterlichem Selbstbewusstsein hat etwas Leni-Riefenstahl-mässiges, etwa so, als hätte diese im hohen Alter plötzlich von den jugendlich-strammen Paradekörpern, die sie so schön in Szene setzte, Abstand genommen und begonnen, ihren eigenen Leib zu feiern, jedoch ohne das Pathos und die Widerspruchslosigkeit aufzugeben. Es ist diese Eindeutigkeit und Unzweifelhaftigkeit, die auf mich unheimlich und wie die moderne Ausformung des uralten Konzeptes von universaler, mütterlicher Liebe wirken. Früher hatte die Frau ihre Familie zu lieben, heute ihre Zellulite. Für diejenigen, die dies nicht auf Anhieb schaffen, gibt es ein Arsenal an Kursen, Workshops und geistigen Bootcamps, in denen dem Weibsvolk Selbstbewusstsein antrainiert werden soll. Aber warum müssen sich Frauen permanent mit ihrem Körper beschäftigen? Warum proklamiert kein Frauenmagazin das Recht jeder Frau auf Hadern, Zweifeln, Scheitern und Unglücklichsein, sowohl in Bezug auf den eigenen Geist als auch den Körper? Warum gelten diese Fähigkeiten bei Männern als Insignien intellektueller Reife, bei Frauen aber als Beweis für Versagertum? Während der Mann also weiterhin flanierend die Welt erkundet und Pläne zur Rettung derselben ersinnt, stellt sich die Frau vor den Ganzkörperspiegel und übt sich in unbedingter Selbstliebe. Dabei muss niemand irgendwen uneingeschränkt lieben. Nicht einmal sich selbst.


Veranstaltungshinweis

Sweatshop - Deadly Fashion
Sa 2. | Mo 11. | Sa 16. Juni
Schauspielhaus Zürich, Pfauen