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Crespin
So lagert Marie-José Crespin ihre Collier-Sammlung bei sich zu Hause.

«Perlen am Strand»

Marie-José Crespin über ihr unbändiges Verlangen, Colliers zu knüpfen, und wie sie dabei den afrikanischen Schmuck neu erfindet.

Text: Charlotte E. Noack / Carla Peca

Interview: Charlotte E. Noack (Das Gespräch fand in französischer Sprache statt.)

«Bist du mit der grossen Fähre gekommen oder mit der kleinen?», fragt Marie-José Crespin, wie sie es bei jedem Besuch zu tun pflegt. Das Johann Jacobs Museum hat mich für eine Recherche über ihre Colliers zu ihr auf die senegalesische Insel Gorée geschickt. Das Museum wird den Colliers von Crespin eine ganze Ausstellung widmen. Crespin kennt man vielleicht nicht in erster Linie für ihre Colliers, sondern in ihrer Rolle als erste weibliche Richterin im Senegal, als Verfassungsrichterin am Conseil Constitutionnel, dem obersten Gerichtshof des Senegal, oder als Diplomatin in Paris. Doch seit ihrer Jugend fertigt sie Colliers. Diese faszinieren nicht nur durch ihre Schönheit, sondern auch durch die Geschichte, die jeder einzelnen Perle innewohnt und deren Vielfalt Crespin in den Colliers zusammenführt. Glasperlen aus Arabien oder Murano, Gesteinsperlen aus dem Neolithikum, Sklavenfesseln, Korallen, Muscheln sowie die Wirbel aus dem Rückgrat einer Schlange – so vielfältig, so grundverschieden und doch ähnlich sind die Materialien, aus denen Crespin ihre prächtigen Stücke fertigt.

Steigt man in Gorée von der Fähre, sieht man wie die Touristen sich im Bikini am Strand sonnen. Gorée ist eine Gedenkstätte für den Sklavenhandel, ist kulturhistorisch wichtig, doch auch den Sonnenstrahlen muss man hier gerecht werden. Sobald sich die Tür zu Marie-Josés Haus öffnet, fällt der Stress der Reise von mir ab. Wir nehmen Platz auf der Terrasse im Innenhof. Es ist immer noch warm, aber die vielen Pflanzen spenden angenehmen Schatten. Es ist immer noch laut, doch ruhig genug, um das Rauschen des Meeres aus der Geräuschkulisse herauszuhören. Ihr Haus nimmt einen wichtigen Platz in Marie-Josés Leben ein. Es hat ihre Biographie massgeblich beeinflusst und ist heute ein Teil ihrer Identität. Marie José Crespin ist ihr Haus, ihre Sammlung, ihr Leben auf Gorée.

Wissensdurst führt in die Fremde, Sehnsucht zurück in die Heimat

[Frage Charlotte E. Noack] Du gehörtest zu den ersten senegalesischen Studierenden, die in Paris ihr Studium absolvierten. Wie kam es dazu?

[Marie-José Crespin] Nach dem Bac wollte ich eigentlich Kunst studieren. Aber das konnte man nur in Paris. Meine Mutter war zwar Französin, aber wir hatten nicht genug Geld für die Reise nach Paris, meinen Unterhalt und das Studium. Stattdessen kaufte mein Vater dieses Haus hier in Gorée, er wollte am Meer wohnen. Es war nicht teuer damals, Gorée war nicht so bekannt, wie es heute ist. Weil ich im familiären Kontext umringt war von Anwälten, bekam ich natürlich viele juristische Diskurse mit. Ich las auch die Bücher meines Vaters und fand sie sehr interessant. Aber ich wollte nicht Anwältin werden. Ich war sehr schüchtern - ich bin immer noch sehr schüchtern, aber inzwischen merkt man es mir nicht mehr so an - ich wollte nicht vor Leuten sprechen. Also studierte ich Jura auf Richteramt. Das war kurz vor der Unabhängigkeit. Während der Kolonialzeit konnte man nur in Frankreich auf Richteramt studieren. Ich und drei weitere Studenten erhielten ein Stipendium für Paris.

[CN] Die anderen drei Studenten waren Männer, du warst also die einzige Frau? Fühltest du dich in dieser Rolle als einzige weibliche Studentin aus dem Senegal in Frankreich je diskriminiert?

[MC] Nein, ich bin nie diskriminiert worden. Es war eher so, dass die anderen mir auch mal geholfen haben, gerade weil ich eine Frau bin. Aber mir war das nicht so wichtig. Ich habe das nie so wahrgenommen. Heute sagt man mir sehr oft, ich sei eine Pionierin, die erste weibliche Richterin, habe Jura als Frau noch vor der Unabhängigkeit studiert...! Damals ist mir das gar nicht so aufgefallen. Ich richte meinen Fokus nicht auf solche Dinge. Mir fallen z.B. auch oft die Hautfarben von den Leuten nicht auf, weil ich nicht so darauf achte. Ich komme ja aus einer «famille métisse» (dt. gemischte Familie). Ich erzählte einmal einem Freund von meinem Arzt, der mich operiert hatte – ein wirklich hervorragender Arzt - und ich erwähne seinen Namen –. Mein Freund fragte: «Ah, ist er schwarz?» Und ich wusste es nicht. Ich musste nachdenken, dann erst erinnerte ich mich: «Jaa, stimmt, er ist schwarz.» Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich eine «Métisse» bin.

[CN] Wie kam es, dass du nach deinem Studium zurück in den Senegal gezogen bist?

[MC] Als ich in Paris studierte, lebten mein Vater und meine Mutter auch dort, weil mein Vater eine Anstellung am Gerichtshof der «Communauté française»[1] erhalten hatte. So konnten meine Eltern auf meinen Sohn aufpassen, während ich studierte. In dieser Zeit ist der Senegal unabhängig geworden. Natürlich hätte ich in Paris bleiben können, meine ganze Familie ist dageblieben. Aber ich vermisste den Senegal, die Sonne, das Meer, das Haus meines Vaters in Gorée. Wir vier Absolventen waren die ersten senegalesischen Richter, Richter im unabhängigen Senegal. Selbstverständlich brauchte man mehr als vier Richter hier, also wurden anfangs auch viele Richter aus Frankreich eingestellt. Wir wurden vom Senegal bezahlt, doch der Senegal war sehr arm und wir bekamen nicht viel Geld. Die anderen wurden von Frankreich bezahlt und bekamen das Vierfache. Das war natürlich ein grosses Problem: Du sitzt zu dritt in der Kammer und sollst eine gemeinsame Entscheidung treffen und einer verdient das Vierfache von dem der anderen beiden. Ja, ich hätte auch in Frankreich arbeiten können, dort hätte ich mehr verdient. Aber Geld war nicht so wesentlich für mich. Ich wollte zurück in den Senegal zur Sonne und zum Meer.

[CN] War die Rückkehr für dich nicht auch eine politische Entscheidung? Dafür, das gerade unabhängig gewordene Land mit aufzubauen?

[MC] Natürlich war mein Vater mit Léopold Sédar Senghor befreundet und die Unabhängigkeit wurde viel diskutiert. Aber ich war nie «Anti-France», sieh mal, meine Mutter war Französin. Ich war eher pro Frankreich und pro Senegal, ich verstand beide Seiten. Mich hat eher beeinflusst, dass der Senegal mein Stipendium bezahlt hat, mir ermöglicht hat in Frankreich zu studieren. Und mich hat beeinflusst, dass ich hier zu Hause bin.

[CN]Darf ich eine freche Frage stellen? Hat dich vielleicht auch deine Rolle als einzige Frau motiviert? Nach deiner Rückkehr in den Senegal warst du hier die erste weibliche Richterin, damit automatisch eine Pionierin, konkurrenzlos. In Frankreich wäre das schwieriger gewesen.

[MC] Nein, nein, dass ich eine Frau bin und dass das besonders ist, war nie ein Thema für mich. Ich bin auch nicht ehrgeizig. Das interessierte mich nicht wirklich. Mir waren andere Dinge wichtig. Mir war wichtig, im Haus meines Vaters am Meer wohnen zu können, es einrichten zu können.

Ein Haus Рein Πuvre

Das Haus ist in der Tat sehr eingerichtet. Überall gibt es Schachteln, Truhen, Boxen, Kisten voller Perlen und Objekte aus Westafrika. Man merkt dem Haus an, sobald man über seine Schwelle tritt, dass es nicht nur als Wohnraum dient - es ist ein Œuvre. Man fühlt sich entspannt und inspiriert zugleich. Das Haus ist ein altes Kolonialgebäude, wie alle Häuser auf Gorée. Im Keller befindet sich eine Ausstellung über Gorée mit vielen Drucken und Stichen, die Marie-José während ihrer Zeit in Paris als Diplomatin gesammelt hat. In der Ausstellung sind aber auch andere Dinge, zum Beispiel riesige Fetisch-Masken aus Benin. Die hat sie gekauft, weil sie in Benin geboren ist.

[CN] Wie lebt es sich unter einem Dach zusammen mit Fetisch-Masken?

[MC] Einmal war ein Künstler aus Benin hier und als er die Fetische sah, stellte er mir genau diese Frage, ob ich denn nicht Angst hätte, mit Geistern zusammenzuleben. Ich antwortete, dass ich seit Jahrzehnten mit den Geistern der Sklaven in einem Haus lebte und dass wir eigentlich ganz gut zurechtkämen, darum hätte ich keine Angst vor den Fetischen. Er sah das ein, meinte aber, ich müsste ihnen Opfer bringen, um sie bei Laune zu halten. Jetzt treffe ich mich ab und an mit Freunden und der Familie hier im Keller bei den Fetischen. Wir trinken Champagner und geben den Fetischen auch welchen ab.

[CN]Dein Haus ist gefüllt mit Objekten aus Westafrika, aber als altes Kolonialgebäude, als Sklavenhaus hat es – wie du selbst auch – einen starken Bezug zu Frankreich.

[MC] Ich ging für zehn Jahre nach Paris, weil mein Mann dort war. Ich dachte damals, dass ich als seine Frau mit ihm gehen müsste. Also wurde ich dort Diplomatin. In Paris gab es tolle Ausstellungen, davon habe ich profitiert. Aber abgesehen davon, war es sehr schwer, auch für meine Kinder. Als mein Mann sich nicht mehr benahm, wie ein Mann sich zu benehmen hat, beschloss ich, dass ich mich auch nicht mehr so benehmen müsste, wie sich eine Frau zu benehmen hat, und ging zurück in den Senegal. Das war Ende der 80er Jahre. Als ich nach zehn Jahren als Diplomatin aus Paris zurückkehrte, sah die juristische Landschaft völlig anders aus. Die französischen Richter waren gegangen, nur noch Senegalesen waren im Rechtswesen tätig, auch viele Frauen. Ich nahm mir die ersten zwei Jahre nach meiner Rückkehr eine Auszeit und renovierte das Haus hier. Alles musste neu gemacht werden, sogar die Fussböden waren noch aus Holz aus dem 17.Jahrhundert. Die Renovierung finanzierte ich mit dem Verkauf von Colliers.

Die vielen Geschichten des Colliers

[CN] Aber wie wird eigentlich eine senegalesische Jurastudentin zur Perlenverkäuferin?

[MC] Mit ca. 16 Jahren fing ich an, auf den Märkten Perlen zu kaufen, um Ketten für mich und meine Freundinnen zu machen. Die Kette, die ich heute trage, habe ich noch vor meinem Bac gefertigt. Märkte haben mich schon immer interessiert. Andere Leute kaufen Stoffe, was weiss ich, ich kaufe Perlen. Die Perlen waren mein Zugang zum Markt, zum Ort des Handels. Wann immer ich durch meine Arbeit in ein anderes Land reiste, ging ich dort auf den Markt. Ich war auf Märkten in der Türkei und in Südamerika, aber vor allem in Westafrika. Da komme ich her, das interessiert mich am meisten. Es gibt zwei Leute, die mich in meinem Interesse an den Colliers bestärkt haben: Die Inhaberin einer Modeboutique in Frankreich und ein Archäologe. Die Boutique-Besitzerin sah mich als junges Mädchen die Strasse entlang gehen und bewunderte meine Colliers. Sie fragte mich, ob ich nicht Colliers machen wollte, die sie dann in ihrer Boutique verkaufen könnte. Damals war das etwas Besonderes: Colliers aus afrikanischen Perlen, die trotzdem dem Geschmack der Europäerinnen entsprachen. Meine Colliers stiessen auf so grosses Interesse, dass sie mir ihre Kundinnen sogar für Sonderanfertigungen vorbeischickte. So begann meine Tätigkeit als Perlenverkäuferin. Die zweite Person, die mich auf meine Colliers ansprach, war Raymond Mauny, ein Freund meines Vaters. Als ich ihm erzählte, dass ich die Perlen selber auf dem Markt kaufte, war sein Interesse geweckt. Er war Archäologe und machte mich deshalb darauf aufmerksam, dass auf dem Markt auch Perlen des alten Ägyptens zu finden wären. Er lud mich in sein Museum ein und erklärte mir, wie und woran man die historischen Perlen erkennt. Von da an interessierte ich mich nicht mehr nur für die Ästhetik von Perlen, ich fing an sie zu sammeln. Heute kaufe ich nicht mehr viel. Ich habe ja schon so gut wie alles. Wenn die Händler zu mir kommen, sage ich ihnen immer, sie sollen mir etwas zeigen, was ich noch nicht gesehen habe.

[CN]Nebst Perlen und Steinen verwendest du auch oft Muscheln, Coquillages, für deine Colliers. Wie siehst du das Verhältnis der Coquillages zu den Perlen? Woher stammen sie?

[MC] Muscheln sind das Gold des Colliers: Sie erleuchten es. Viele der Perlen und Coquillages der Colliers stammen aus der mauretanischen Wüste, die vor langer Zeit von einem Ozean bedeckt war. Die mauretanische Präsenz in den Colliers ist nicht zufällig. Zum einen hat mich mein Lebensweg nach Mauretanien geführt, zum anderen waren dort aufgrund bestimmter geologischer Prozesse diese Coquillages auffindbar.

[CN] Ausser den mauretanischen Fundstücken hast du aber wahrscheinlich auch sehr viele Collier-Bausteine aus Gorée selbst?

[MC] Ich habe eine Schublade voller Perlen, die man auf Gorée gefunden hat. Sie unterscheiden sich nicht von anderen Perlen aus der Kolonialzeit, aber für mich sind sie besonders, weil man sie eben auf Gorée gefunden hat.

[CN] Wo hast du die Perlen von Gorée gefunden?

[MC] Ach, einfach auf dem Strand oder auf der Strasse. Die Kinder wissen auch, dass ich mich für Perlen interessiere und bringen sie mir, wenn sie welche beim Spielen finden. Als ich nach meiner Zeit in Paris wiederkam, iniziierte ich auch ein Projekt, Gorée zu begrünen. Früher gab es nicht so viele Pflanzen hier, es gab nur wenig Wasser. Beim Pflanzen wurden dann sehr viele Perlen gefunden. Du fragst dich wahrscheinlich, warum sich so viele Perlen in der Erde finden lassen? Ich habe mich das auch gefragt. «Ma mère de Gorée» konnte es mir beantworten: Man hat die Perlen früher um den Bauch getragen. Afrikanische Frauen sind sehr kokett und lieben es zu verführen. Und beim Tanzen - ja, man hat immer getanzt, auch zu Zeiten der Sklaverei hat man immer getanzt - sind die Ketten um den Bauch dann öfters mal gesprungen. So was passiert halt.

Während dem zweiten Teil unseres Gesprächs sind wir aufgestanden und ins Haus zu ihren Colliers gegangen. Nun liegen sie vor mir, die Schmuckstücke, über die wir so viel gesprochen haben. Auch ich sehe jetzt nicht mehr nur ihren ästhetischen Reiz, sondern zugleich die Geschichten, die in ihnen schlummern: Jedes Element der Colliers ist ein Zeugnis der Geschichte Afrikas, seiner geologischen und politischen Verwerfungen, aber auch eine Frucht von Marie-Josés Verhandlungsgeschick und Finderglück.


[1] Die Communauté française war seit 1958 eine staatsrechtliche Verbindung der Französischen Republik mit autonomen Gebieten des französischen Kolonialsystems, später mit unabhängigen afrikanischen Staaten.

Crespin

Dieses Collier besteht ausschliesslich aus reparierten Perlen. Crespin erklärt, dass man sich nur bei besonders wertvollen Perlen die Mühe macht, sie zu reparieren. Es muss sich also um sehr aussergewöhnliche Exemplare handeln.

Crespin

«Solche Perlen findet man heute nicht mehr so einfach», erläutert Crespin zu diesem Collier. Es handelt sich um kleine Anhänger mit symbolischer Bedeutung, jedoch keine geweihte Talismänner (Gris-Gris). Links und rechts am Collier sind Teile von Sklavenfesseln befestigt.

Crespin

Diese Perlen sind vermutlich aus Nigeria. Sie könnten genauso gut sehr alt wie ganz neu sein. Crespin verrät, dass sie eigentlich keine bestehenden Colliers imitiert. Dieses jedoch fertigte sie nach einem Exemplar, das sie im Louvre gesehen hatte.

Crespin

Crespin fragt die Händler stets danach, ihr aussergewöhnliche Perlen zu zeigen. Diese kaufte sie bei einem Händler in Mali. Sie selbst weiss nicht genau, um was für Perlen es sich handelt, da sie noch nie zuvor derartige Perlen gesehen hat. Sie müssen aber alt sein, denn das Loch wurde von beiden Seiten eingebohrt, so Crespin. Das erkennt man, wenn man die Perlen gegen das Licht hält. Die Goldplatten zeigen ein türkisches Motiv, das sie bei einem Goldschmied in Auftrag gab. Das Gold war am Collier mit Stachelschweinstacheln befestigt, die mittlerweile jedoch abgefallen sind. Stachelschweinstacheln gehören in Gorée zum ganz alltäglichen Verkaufsangebot und werden von den Frauen, wenn sie Zöpfe flechten, zum Trennen der Haare verwendet.