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Normcore-Wahnsinn

Die kapitalistische Moderne nimmt Gestalt an

Paula-Irene Villa, Ludwig-Maximilians-Universität München

Der Optimierung des eigenen Körpers sind kaum Grenzen gesetzt. Das ist zum einen unverständlich, zum anderen aber nur die logische Entwicklung der Aufklärung, die selbstbewusste Menschen hervorbrachte und perfekt in unsere Zeit passt.

Irre, dieser Körperwahnsinn! Irre – und bemitleidenswert – die heutigen Mädchen, die lieber schönschlanke Models als tugendkluge Frauen sein wollen. Was ist nur mit diesen Teenagern, die mit sich und ihresgleichen nur noch photoshopoptimiert in Szene gesetzt pseudo-kommunizieren? Normal ist das doch alles nicht mehr. Wer sich wünscht, schöner auszusehen und dafür etwas an sich machen lässt, ist Opfer eines perversen Körperkults, der von den eigentlichen inneren Werten absieht und eine falsche Verehrung des äusseren Scheins praktiziert. Statt die sichtbaren Spuren eines Lebens in Ruhe zu lassen und womöglich einen Stolz auf das Gelebte zu kultivieren, ist der normierte Nullachtfünfzehn-Perfektkörper das Ziel.

Keine Vorschriften

So weit, so kritisch. Aber auch: So weit, so einseitig. Denn gerade die Frauen und Männer, die sich die Nase operieren lassen, sind besonders selbstbewusste Personen. Sie handeln frei nach Kant aufgeklärt und mündig: Lasse Dir nicht vorschreiben von Religion oder purer Tradition, was Du mit Deinem Körper machen sollst! Dies ist das Leitmotiv dessen, was wir Moderne nennen, in somatischer Wendung. Moderne bedeutet nämlich die Einsicht, das Leben auf individuellen und gesellschaftlichen Ebenen selbst gestalten zu können sowie die Ausrichtung darauf.

Man mag dies für die Frage nach Tattoos oder Brazilian Waxing nicht relevant finden. Aber Antibiotika, Schmerzmittel, Prothesen, MRT, Röntgenbild, Gentherapie, die Pille, das alles liegt diesseits des schönen Scheins. Die Moderne im biopolitischen Sinne, also im Hinblick auf die Verflechtung von Gesellschaft und Lebendigkeit, beinhaltet auch all dies. Die moderne Freiheit, den Körper zu gestalten, ist untrennbar verbunden mit der Emanzipation des Menschen von einer schicksalhaften Natürlichkeit. Wer A sagt, zur freiwilligen Lokalanästhesie beim Zahnarzt, müsste doch auch B sagen zur freiwilligen Busen-OP.

Demut gegenüber dem Leiden an Normen

Menschen, die sich für eine Schönheits-OP entscheiden, sind nicht einfach Opfer ihrer Selbst oder der Medien. Sie entscheiden sich selbstbewusst, nachdenklich, vielfach entgegen der Meinung ihrer Partner, Freundinnen oder Familie für die Gestaltung ihrer Körper. Sie erhoffen sich damit ein normale(re)s, vielleicht besseres Leben: frei von Stigma und Häme, frei von Angst und Scham, von Exklusion und Diskriminierung. Es geht um eine körperliche «Normalität», die eben nicht individuell verfügbar ist. Sie ist vielmehr gesellschaftlich gemacht, sie wird historisch geformt. Wer die vorherrschende Norm nicht verkörpert, hat es schlechter im Leben. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sich Menschen die Haut bleichen, die Augenlider «europäisch» machen oder den Busen straffen lassen. Statt sich darüber zu mokieren oder zu empören, scheint mir angebrachter, Demut gegenüber dem Leiden an Normen zu üben, die wir alle – mehr oder weniger – teilen.

Wir sind permanent aufgefordert, aus uns – auch aus unseren Körpern – das Beste zu machen. Der äussere Schein wird als inneres Sein moralisiert. Der optimierte Körper steht für Selbstdisziplin, die sich niemals als Zwang der Verhältnisse realisiert, sondern als Triumph des Willens über den lebendigen Rohstoff. Ein Wahnsinn, wie sehr dies die Logik der kapitalistischen Moderne konsequent realisiert.


Veranstaltungshinweis

Der Mensch, das Ideal und sein Leidenspotenzial
Do 21. Juni, 14.00
Fraumünster Zürich