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Roumald Hazoumé
© Courtesy the artist bzs. Roumald Hazoumè

Nacktes Leben. Ein Gespräch über Schönheit und Wahnsinn mit Romuald Hazoumè.

Carla Peca

Im Rahmen der Ausstellung «L’Afrique des Colliers: Marie-José Crespin» im Johann Jacobs Museum lädt Direktor Roger M. Buergel den in Benin lebenden Künstler Romuald Hazoumè zu einem Gespräch über das Thema «Schönheit/Wahnsinn» ein. Doch wie führt man einen Dialog über diese kulturformenden und kulturell geformten Begriffe über den Horizont der eigenen Kultur hinaus? Eine mögliche Antwort findet sich in Hazoumès Fotografie aus dem Jahr 2004 mit dem Titel «Croissant de Lune».

Die Fotografie zeigt eine Frau, die fünf Benzinkanister auf ihrem Kopf balanciert und eine staubige Strasse entlang geht, vorbei an einem Verkaufsstand, an dem sich der Verkäufer mit einem Passanten unterhält. Das Bild zeigt eine belebte Szene und scheint in Bewegung entstanden zu sein. Die Kamera befand sich vielleicht auf einem vorbeifahrenden Auto oder Moped. Mit schwingender Eleganz bewegt sich die Frau durch das Bild – wie wohl auch durch das Leben. Es ist die Eleganz des Alltäglichen, keine auffallende, aufdringliche Schönheit, eine beiläufige. Die Notwendigkeit, fünf dieser Kanister auf einmal transportieren zu müssen, gepaart mit Pragmatismus und etwas Erfindermut, ergibt das Bild dieser «Mondsichel» aus Benzinkanistern. Ein Bild der alltäglichen Schönheit Westafrikas. Ein schwieriger Satz, wenn er von mir, einer schweizerischen Studentin stammt. Denn ist es nicht nur mein sehr eigener Blick auf eine mir fremde Kultur, die mich durch ihre Andersartigkeit fasziniert? Ähnlich dem Blick, mit dem seit jeher über Afrika geschrieben wurde? Erst seit 1964 wird mit der «Histoire générale de l'Afrique» die afrikanische Geschichte von afrikanischen Wissenschaftlern erforscht und niedergeschrieben und löst so allmählich die Sicht ab, die durch die Reiseberichte europäischer, chinesischer oder arabischer Berichterstatter des 14. Jahrhunderts geprägt wurde. (Ab 2018 sollen übrigens die Erträge der «Histoire générale» in die afrikanischen Schulsysteme einfliessen mit dem Ziel, den Zusammenhalt zwischen den afrikanischen Staaten zu fördern. Wobei diese Geschichte Afrikas sicher auch noch mehr als die Geschichten der verschiedenen afrikanischen Länder und Kulturen gedacht werden sollte.)

Die Kanister, welche die Frau auf dem Kopf balanciert, sind jetzt leer und werden bald erneut gefüllt mit Benzin aus dem angrenzenden Nigeria. 90% des in Benin verbrauchten Benzins wird in Nigeria durch illegales Anzapfen der Ölpipelines gewonnen. Es wird in künstlich aufgeblasenen und deshalb porösen Kanistern auf Mopeds über die Grenze geschmuggelt. Je dünner die Kanisterwände, desto grösser das Fassungsvermögen, und desto grösser auch das Risiko, bei einem Sturz mit dem Moped in Flammen aufzugehen.[1] Viele sterben auf diese Weise. Es scheint wahnwitzig: Um sich die finanzielle Lebensgrundlage zu erhalten, setzen sich die Menschen dieser Lebensgefahr aus.

Romuald Hazoumè bearbeitet die Benzinkanister in seiner Kunst. Hier sind sie das Sujet seiner Fotografie, häufiger jedoch verwendet er die Kanister für die Herstellung von Masken. Aus der Tradition der Yoruba heraus, kreiert er neue Fetisch-Masken, die, jede einzeln, von einem Priester geweiht werden. Mit diesen Kanister-Masken wurde er als Künstler international bekannt und hat sie beispielsweise auf der Documenta 12 in Kassel ausgestellt. Seine Nachfrage nach aussergewöhnlichen, schön bemalten und seltsam geformten Kanistern hat einen wahren Kanister-Markt ins Leben gerufen. Hazoumè selbst spricht von einer «Kanister-Mafia»: eine hierarchisch strukturierte Organisation von Händlern und Zwischenhändlern, die für ihn nach Kanistern Ausschau halten. In unseren Augen scheint dieses System aus dem Anzapfen fremder Ölpipelines, dem Ausdehnen von Kanistern bis an die Grenzen des Materials, dem Ölschmuggel und der Kanister-Mafia dem Wahnsinn nahe. Unverständlich und chaotisch präsentiert es sich, wenn man von aussen darauf blickt. In Benin aber gehört es zum Alltag, so auch zum täglichen Überleben in einer Region, die immer noch vom globalen Kapitalismus, von ausländischen Konzernen dominiert und kontrolliert wird.

Doch vielleicht ist es auch nicht der gleiche Begriff von Wahnsinn, wie wir ihn verwenden: geprägt von der abendländischen Philosophie. Bei uns hat Wahnsinn immer diesen freudschen Beigeschmack. «Wahnsinnige» wurden als vom Bösen Besessene in Irrenanstalten weggesperrt. Freud erkannte in der Beherrschung der Triebe die Ermöglichung eines Zusammenlebens unter den Menschen und so den Ursprung der Kultur. Gleichzeitig bedeutet jedoch der kulturelle Fortschritt durch Triebunterdrückung nach Freud für den Einzelnen eine zunehmende Glückseinbusse und ist verantwortlich für verschiedene Neurosen.[2]

In dieser Fotografie der Frau mit den Benzinkanistern auf dem Kopf scheint der Wahnsinn jedoch ganz und gar nicht ausgeschlossen, sondern Teil des alltäglichen Lebens zu sein. Versuchen wir den Begriff im westafrikanischen Raum zu verorten, sollten wir vielleicht besser das Kultur- und Kunstverständnis der Yoruba, die die Region um Benin besiedeln, als Referenzgrösse heranziehen. Hazoumè stammt selbst von den Yoruba und lebt und arbeitet in ihrer Tradition. In der Religion der Yoruba werden tranceartige Zustände des Besessen- oder Beseelt-Seins von einer Gottheit praktiziert. Es sind rituelle Bewegungen, Tänze, Klänge, die nur durch unseren Blick den Eindruck von Wahnsinn erwecken. Für die Yoruba stellen sie die Verbindung mit einer Gottheit her und sind somit eine Gabe, ein Geschenk. Die Person, die während eines solchen Rituals von einer Gottheit besessen war, wird ihr Leben lang eine Verbindung zu dieser in sich tragen. Auf diesem kulturellen Grund entsteht ein ganz anderes Verhältnis zu dem Phänomen, dass wir Wahnsinn nennen. Denn werfen wir denselben Aussenblick auf uns, stellt sich die Frage, ob die Obsession unserer politischen Systeme alles zu vermessen, zu zählen, zu berechnen, zu kontrollieren, Unpassendes auszugrenzen oder einzuverleiben nicht den grösseren Wahnsinn in sich birgt. So auch die Selbstverständlichkeit, mit der andere Kulturen zuerst versklavt und dann unter dem Deckmantel von Aufklärung und Bildung zerstört wurden.

Doch wenden wir den Blick zurück zum Bild der Mondsichel aus Benzinkanistern, das mich in diese geschichtlichen Abgründe abschweifen liess, und doch auch für sich als Bild in seiner Ästhetik wirkt. In ihm verschmelzen nicht nur Wahnsinn und Alltag, sondern auch Alltag und Schönheit. Kunst und Schönheit sind hier, wie auch der Wahnsinn, nicht vom alltäglichen Leben ausgeschlossen. Die Gattungsaufteilung der westlichen Kunstgeschichte greift in diesem Umfeld nicht. Betrachten wir Hazoumès Werk als das eines zeitgenössischen Künstlers, der sich in die Kunsttradition der Yoruba einordnet, bewegt es sich in einem Rahmen, in dem Kunst immer in ihrem Funktionszusammenhang gesehen wird. Dabei waren doch Kunst und Leben ebenso wie die verschiedenen Gattungen, Architektur, Malerei, Skulptur, Zeichnung, Fotografie usw., immer schon vereint und nicht wie in unserer kunsthistorischen Tradition in einzelne Kategorien unterteilt. Im Westen existiert zudem die Vorstellung einer afrikanischen Ästhetik, die Objekte auf ihre ästhetischen Qualitäten reduziert. Auch werden afrikanische Objekte in ethnologischen Museen als Repräsentationsobjekte für kulturelle Handlungen ausgestellt und so auf ihre Funktion reduziert. In beiden Fällen wird man den Objekten nicht gerecht.[3]

Und während ich mit der Sprache ringe, um die richtigen Worte und Kategorien zu finden, geschieht diese Auseinandersetzung in der Bildsprache auf eine andere Art und Weise, die unverfänglicher zu sein scheint. Wie eine Seiltänzerin balanciert diese Frau ihre Benzinkanister durch die Strassen von Benin und bewegt sich tänzerisch zwischen verschiedenen Diskursen über Schönheit und Wahnsinn, Funktion und Kunst, Lebensrealität und Poesie.

Am 10. Juni 2018 erfahren wir durch das Gespräch zwischen Romuald Hazoumè und Roger M. Buergel mehr über dieses Begriffspaar und auch Sie sind herzlich eingeladen Ihre Überlegungen dem Gespräch beizusteuern.


[1] Daniele Roth, Romuald Hazoumè: Mister Kanister und die orale Postmoderne. München 2013, S. 136-137.

[2] Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. London 1948.

[3] Daniela Roth, Romuald Hazoumè: Mister Kanister und die orale Postmoderne. München 2013, S. 35-36.