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Moullon
© Andrea Fischer Schulthess

Die süssesten Beeren der Welt

Minitheater Hannibal

Irgendwann vor langer, langer Zeit oder vielleicht auch erst gestern entwich der Sonne versehentlich ein Funkeln, das so hell und gleissend war, dass alle Winde ihre Richtung verloren. Der Nordwind blies gen Süden und der Südwind nach Osten, und Ost- und Westwinde verdrehten sich um sich selbst und wurden immer heisser und trockener, bis kein Tropfen Wasser mehr in ihnen war.

So erlosch an jenem Tag in allen Wüsten und Steppen des Südens jegliches Leben. Ausser eines. Das von Moullon dem Schönen. Ja, du hast richtig gehört. So war sein Name. Denn zuhause bei seiner Familie, in seinem Königreich weit unter der brennend staubigen Erde, war er der Schönste und Freundlichste von allen und jeder liebte ihn. Doch als er als Einziger aus seinem Zuhause unter der Erde kroch und durch Hitze und Nacht über Dünen und das Meer nach Norden floh, begegnete er vielen anderen Tieren. Und als sie ihn erblickten, kreischten sie: «Himmel! Du bist das allerhässlichste Tier, das wir je gesehen haben. Du beleidigst unsere Augen.» Einige lachten und johlten auch oder sie schlugen nach Moullon oder hielten ihren Kindern die Augen zu, um sie vor seinem Anblick zu schützen.

Der arme Moullon verstand die Welt nicht mehr und wurde immer trauriger. Doch er wanderte tapfer weiter nach Norden, auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Er wollte in das grüne Land der Murmeltiere und Ratten hinter den sieben Bergen. Als er klein gewesen war, hatte seine Grossmutter ihm davon erzählt und seither träumte er von diesem wundersamen Ort. «Dort gibt es mehr Wasser, als man trinken kann», hatte sie gesagt. «Und die Tiere haben so viele Beeren, Nüsse, Früchte und Wurzeln, dass sie nur die allerschönsten und perfektesten fressen. Den Rest werfen sie weg.»

Diesen Überfluss wollte Moullon unbedingt mit eigenen Augen sehen. Doch die Reise war beschwerlich, sehr beschwerlich. Seine nackte faltige Haut wärmte ihn nicht, seine kleinen Augen sahen kaum im nebligen Norden und er hatte furchtbares Heimweh. Wer hätte das auch nicht, wenn er ständig ausgelacht wird und keinen kennt?

Endlich kam Moullon an einen hohen Berg. Dieser reichte bis zum Himmel und hatte sechs Brüder. Sie alle standen hinter ihm. Moullon fürchtete sich. Doch er wusste: Dahinter musste es sein, das grüne Land der Murmeltiere und Ratten. So wollte er tapfer auf den ersten Berg steigen, doch schon in der Mitte fror er so jämmerlich, dass er sich kaum mehr regen konnte. Da tat er, was er am besten konnte: Er grub mit seinen Zähnen und Pfötchen einen Tunnel. Nun, eigentlich war es nicht bloss einer, sondern deren sieben, durch alle Berge hindurch. In der dämmerigen Tiefe unter den Felsen musste er viele Gefahren bestehen und begegnete den allerwunderlichsten Wesen und ihren Kindern.

Und dann, nach vielen Tagen und Nächten im Dunkeln, sah er es: Ein Land so grün, wie die Äuglein seiner Grossmutter, Bäche und Seen so blau wie der Himmel und Blumen und Früchte in allen Farben des Regenbogens. Lange sass er einfach nur da und staunte. Besonders die Beeren gefielen ihm. Sie waren dick wie Äpfel und rot wie Blut. Moullon rief aus: «Ich muss wohl im Paradies sein. Oder im Schlaraffenland!»

Gleich ging er zum erstbesten Strauch um sich eine besonders pralle Beere zu pflücken. Doch da wurde er ruppig von hinten gepackt. Als er sich umdrehte, sah er Tiere ganz ähnlich wie er, doch voller Haare und mit hübschen Gesichtern mit grossen glänzenden Augen. Als sie ihn erblickten, schraken sie zurück und riefen aus: «Ah, ein Ungeheuer! Du bist ja wohl das allerhässlichste Tier, das wir je getroffen haben! Kommt alle her und seht es euch an!» Von überallher kamen nun die Ratten und Murmeltiere und begafften und verhöhnten den armen Moullon. Sie beschlossen, ihn in einer Höhle gefangen zu halten, damit ihn jeder anschauen konnte. «Weil du uns so gut zum Lachen bringst, werden wir dich am Leben lassen und dich füttern. Doch du bekommst nur die unansehnlichsten Beeren und Wurzeln. Hässlich zu hässlich! So ist es recht, haha.» Fortan sagten die Rattenmütter und Murmeltierväter zu ihren Kindern: «Wenn ihr nicht brav seid, holt euch der böse Moullon.» Und die Kinder zitterten und gehorchten.

Von diesem Tag an lebte Moullon als Gefangener. Dennoch war er fast glücklich. Denn die winzigen schrumpeligen Beeren, die verwachsenen Nüsschen und krummen Knollen, die man ihm hinwarf, schmeckten ihm besser als alles, was er je gekostet hatte. «Wie wunderbar müssen da erst die schönen Dinge sein, die sie selbst fressen», dachte er. Nur in der Nacht da plagte ihn das Heimweh, das alle plagt, die keinen haben, der sie in den Arm nimmt, ob hungrig oder satt. Er weinte, bis keine Träne mehr in ihm war.

Eines Tages wurde die Prinzessin des grünen Landes krank. Ihr Fell fiel aus, ihre Augen wurden trüb und sie mochte nicht mehr essen – nichts schmeckte ihr mehr, alles erschien ihr furchtbar fad und das machte sie nur noch trauriger, denn die grossen perfekten Früchte waren in Wirklichkeit wässrig und langweilig. Ihr Vater, der Murmeltierkönig, war ausser sich vor Sorge. Er schickte Boten in die ganze Welt hinaus und verkündete: «Wer meine Tochter wieder gesund macht und sie zum Essen bringt, soll sie zur Frau bekommen und den Schlüssel zum Königreich dazu.» Schon bald kamen von überallher mächtige Tiere und brachten die prächtigsten Früchte und Gemüse der Welt. Goldene Bananen von der anderen Seite der Meere, feisse, saubere Tomaten aus dem flachsten Land der Erde und sogar Birnen gross wie die Prinzessin selbst. Doch sie kostete von allem nur ein winzig kleines bisschen und sank wieder in ihr Bett, wo sie elendiglich weinte, bis keine Tränen in ihr waren.

Auch Moullon hörte von diesem Unglück und dachte: «Ich will der armen Prinzessin helfen. Zu verlieren habe ich nichts, eingesperrt bin ich ja bereits. Ich werde ihr von meinen süssen Beeren und Früchten bringen und weil ich selbst weiss, wie es ist, wenn man keine Tränen mehr in sich hat, kann ich sie vielleicht sogar wieder froh machen.»

Er versteckte allerlei kleine Beeren und Wurzeln in den Falten seiner Haut und nagte und schabte noch einen Tunnel. Tag und Nacht. Denn das konnte er wirklich gut. So buddelte er sich exakt ins Schlafzimmer der Prinzessin, wo er neben ihrem Bett aus dem Boden kroch.

Dort stand wie jeden Tag und jede Nacht der Minister Wache, eine Ratte mit lockigem grauen Haar und scharfen gelben Zähnen. Ihr ahnt es bestimmt. Das Tier hatte natürlich schon lange einen Plan: Es wollte die Prinzessin und den Schlüssel des Königreichs für sich selbst haben und freute sich über jeden, der es nicht schaffte, sie zum Essen zu bringen. «Lieber eine traurige Prinzessin ohne Haare, die nichts isst, als kein Königreich», lachte er jeden Abend zu sich selbst bevor er sich in sein seidenes Bettchen legte. Und jeden Tag achtete er darauf, dass sie nur von den grossen, schönen aber schrecklich faden Dingen zu essen bekam und krank blieb.

Als er nun Moullon sah, nackt, faltig und mit winzigen Äuglein und riesigen Zähnen mitten im Gesicht, wurde er zornig: «Was fällt dir ein, du hässliche Kreatur?!? Wenn die Prinzessin dich sieht, wird sie sich zu Tode erschrecken. Werft ihn ins Gefängnis!» Doch kaum hatte die Prinzessin Moullon entdeckt, fragte sie sanft: «Oh, wer bist denn du? Komm näher, ich kann dich kaum sehen, aber du scheinst sehr freundlich auszusehen.» Er antwortete: «Ich bin Moullon der Schöne und möchte dir helfen.» Nun hob er seine Falten und zog die kümmerlichen Waldbeeren hervor und die kleinen Nüsse und verwachsenen Wurzeln, die er für sie gespart hatte, und sagte: «Bitte entschuldige, aber ich habe nur das hier für dich. Doch glaub mir, es ist allerbestes Essen.» Der Minister brüllte: «Verhaftet das Ungeheuer. Es will die Prinzessin vergiften. Schnell!»

Bloss da hatte die Prinzessin sich schon die erste Beere in den Mund geschoben und lächelte zum ersten Mal seit Wochen: «Woher hast du die? Das sind die süssesten Beeren der Welt!» Sie bekam schon ganz rosige Wangen vor Glück und der König hörte sofort davon. Er freute sich wie lange nicht mehr. Seine Tochter ass wieder!

Er stürmte zu ihr und wollte wissen, wer sie so glücklich gemacht habe. Wie er Moullon erblickte, zuckte er jedoch zusammen und sagte kühl: «Nun, ich danke dir, aber ich kann dir meine Tochter nicht zur Frau geben, dazu bist du viel zu hässlich. Das verstehst du bestimmt. Ich werde dir jedoch Gold geben und der Minister bekommt meine Tochter und den Schlüssel zum Königreich. So ist es für alle am besten.» Da sprang die Prinzessin aus dem Bett und rief: «Vater, merkst du eigentlich, was du da sagst? Ich selbst habe keine Haare mehr und meine Augen sind trüb. Wenn du Moullon hässlich nennst, so beleidigst du damit nicht nur ihn, sondern auch dein eigenes Kind. Und weshalb bekomme ich eigentlich seit Jahren nur dieses geschmacklose Essen? Ich will fortan nur noch die Dinge, die Moullon mir gebracht hat.» Der König verstand die Welt nicht mehr: «Aber Kindchen, ich habe dir doch immer die rotesten Beeren, die grössten Äpfel und die glattesten Kartoffeln aussuchen lassen. Ich meine es nur gut mit dir.»

Die Prinzessin gab ihrem Vater einen lauten Kuss auf die Wange und sagte: «Das weiss ich doch. Und deshalb lässt du mich auch Moullon heiraten und verfütterst mein früheres Essen fortan dem schrecklichen Ratten-Minister.» Als der König sah, wie glücklich seine Tochter war, gab er nach. Denn was will ein Vater mehr, als sein Kind froh und munter zu sehen?

Und so heirateten die Prinzessin und Moullon schon ganz bald und sie erhielten den Schlüssel zum Königreich und zum Glück. Zum Hochzeitsfest waren alle Tiere des grünen Landes eingeladen, egal wie klein, alt oder arm sie auch waren. Es gab für jedes von den wunderbar schmackhaften Speisen, die früher weggeworfen worden waren: die süssesten Früchte, das reifste Gemüse und die zartesten Wurzeln. Schon bald bekamen die neue Königin und der neue König viele kräftige Kinderchen – die einen mit Fell und die anderen ohne. Aber was soll’s. Im Winter ist das eine besser und im Sommer das andere. Hauptsache, fein gegessen ist.

Veranstaltungshinweis

Familientag
Sonntag, 17. Juni ab 14 Uhr
Münsterhof