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Alexander Keil enthüllt den Titel der Ausgabe 2020
Alexander Keil enthüllt den Titel der Ausgabe 2020

Luftschiff Ahoi!

Blick in die Zukunft

Die Crew der Festspiele Zürich enthüllte gestern den Titel der Edition 2020. Die nächste Ausgabe des «Volksfests der Künste» wartet mit einem Festivalzentrum auf, über dem ein grosser, verspiegelter Zeppelin schwebt. Diese Bekanntmachungen wurden gebührend gefeiert.

Das Festspielteam um Geschäftsführer Alexander Keil und Kuratorin Karolin Trachte lüftete gestern das Geheimnis und enthüllte den Titel der nächsten Edition: «Die 20er Jahre. Rausch des Jetzt». Die Plattform an der Josefstrasse präsentierte sich, dem Thema entsprechend, in funkelnder Dekoration und unter den eingeladenen Gästen sowie mitanpackenden Freiwilligen konnte man Fliegerhüte à la Charles Lindbergh und paillettenbestickte Abendkleider ausmachen. Nach dem Begrüssungswort von Festspielpräsidentin Ursula Gut-Winterberger erläuterte Alexander Keil die Gedankengänge der Themenauswahl und das «geistige Einzugsgebiet» des Titels.

Der Anhaltspunkt der Festspiele 2020 sind die 1920er Jahre und deren Lebensgefühl. Vor knapp hundert Jahren erlebten viele Industrieländer einen beispiellosen Wirtschaftsaufschwung und gesellschaftliche Umwälzungen. Der Film stieg zum Massenmedium auf, das Automobil eroberte die Strasse und die «neue Frau» stellte tradierte Geschlechterrollen auf den Kopf. Es war vom «Tanz auf dem Vulkan» die Rede, ein Sinnbild für das exzessive Lebensgefühl von damals, das dem Abgrund oft gefährlich nahekam.

Keil unterstrich, dass die Zwanzigerjahre im Titel bewusst offengelassen wurden und sich damit sowohl auf die 1920er als auch die 2020er Jahre beziehen. Tatsächlich ergeben sich bei näherem Hinsehen zahlreiche Querverbindungen zwischen damals und heute. Wir werden heute erneut mit gesellschaftlichen Umbrüchen sowie einem beschleunigten Alltag konfrontiert, die für Desorientierung und Verunsicherung sorgen. Waren das Radio und der Film die Massenmedien der Vergangenheit, sind Facebook und Instagram diejenigen der Gegenwart. Zudem sind damals wie heute demokratische Prinzipien am bröckeln und populistische Tendenzen haben wieder Konjunktur.

Die Gäste erfuhren nicht nur die Überschrift der Ausgabe Festspiele, sondern waren auch die ersten, die die Gestaltung des Festivalzentrum auf dem Münsterhof sahen, das 2020 wieder Anlaufstelle und Herzstück der Festspiele sein wird. Eine Kunstinstallation wird den Platz prägen, ähnlich einnehmend wie der pinke Kunstrasen 2018, und doch ganz anders: Ein komplett verspiegelter Zeppelin, 25 Meter lang und 6 Meter breit, wird auf 10 Meter Höhe über dem Geschehen schweben. Die Luftschiffe erlebten während den 1920er Jahren ihre Blütezeit und bis heute weckt ihre ungewöhnliche Form Assoziationen an technologischen Fortschritt und grössenwahnsinnigen Irrtum gleichermassen. In seiner Reinterpretation wird der Festspiel-Zeppelin bei den Zürcherinnen und Zürchern nächstes Jahr sicherlich für Gesprächsstoff sorgen.

Ein Abend, der im Zeichen der 1920er Jahre steht, mündet zwangsläufig in ein ausgelassenes Fest. Zwischen den Erläuterungen zu Titel und Zeppelin sang der schmaz – schwuler männerchor zürich mit 30 Mann schmissige Lieder der Comedian Hamonists und nahm die Gäste auf eine Zeitreise ins Berlin der 1920er Jahre mit. Besonders stimmig: Direkt vor der Zeppelin-Enthüllung durch Alexander Keil mit Kapitänsmütze «Das ist die Liebe der Matrosen». Der wilde Teil des Abends brach mit dem Flashmob des Tanzduos Maria Trodella und Nick Akerhult an, die die Gäste mit ihren Charleston Moves gleich ansteckten. Jede Feier braucht eine Königin und mit Milky Diamond, der «Queen of the Scene», wurde eine gebührende Regentin gefunden. Von den Hüftschwüngen der rosa Federboa-bewehrten Milkys betört und musikalisch-visuell von DJ Lou und vjPulp angetrieben, feierte die Gesellschaft im Stil vom «Grossen Gatsby» bis spät. Wenn tolle Künstler*innen und gute Stimmung als Gradmesser gelten, ist der gestrige Jungfernflug geglückt – die Festspiele 2020 haben vielversprechend begonnen.

Text Dario Pollice, freischaffender Kulturjournalist
Bilder © Josef Brunner Fotografie
Clip Pierre de Senarclens
Weitere Fotos in unserer Galerie.

Champagnerpyramide
Ansteckender Charleston
Stillechte Gäste und Freiwillige
Milky Diamond
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