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Don Quixote
© Gunter Rubin, reizend.com

Kunst aus Tollheit

Text: Francisco Rico, Königlich-Spanische Akademie | Übersetzung: Saskia Helletsberger

Der Wahnsinn als Aspekt des künstlerischen Talents Cervantes’ Leben heisst, ständig Geschichten erfinden. Wer wüsste das besser als Don Quixote, der ob dem Vorhaben, seinen bewunderten fahrenden Rittern nachzuleben, den Verstand verloren hat – allerdings auf sehr charmante Art und Weise.

Zweifellos war Don Quixote ein «mit Verstand gespickter Narr mit lichten Augenblicken». Jedoch enthalten Wahnsinn und Erleuchtung des geistreichen Ritters einen bedeutenden Wesenszug der menschlichen Natur: den kreativen Impuls, der sich in der erzählerischen Form des Denkens offenbart. Dies bestätigt J. P. Sartre, der Antoine Roquentin sagen lässt: «Ein Mensch ist immer auch ein Geschichtenerzähler.» Leben heisst in der Tat erzählen, ständig Geschichten erfinden. Um die einfachste alltägliche Handlung einer Erzählung verstehen zu können, muss die Geschichte des Protagonisten unserer eigenen entsprechen.

Im Verlauf der Erzähung stellen wir die Grenzen und Bedingungen der Umstände auf die Probe und am Ende verinnerli-chen wir die vollendete Handlung. Eine Reise vom Wunsch zur Wirklichkeit und wieder zurück. Die Vorstellung unseres Handelns entsteht zum einen aus gelernten Verhaltensweisen, zum anderen aus unseren Erfindungen, unseren persönlichen Schilderungen. Daher ist jeder Mensch «ein Schriftsteller seiner selbst, Original oder Plagiat», wie Ortega y Gasset sagt. Don Quixote ist das Musterbeispiel für diese Dualität. Doch wer getraut sich zu beurteilen, ob das eine oder das andere überwiegt?

Aus Plagiat wird Schöpfung

Es ist allgemein bekannt, dass Alonso Quijano beim Versuch, einer der Helden aus den Romanen zu werden und ihre Abenteuer zu erleben, den Verstand verlor, während er «all das übte, was, wie er gelesen, die fahrenden Ritter übten». Diesem Verhalten liegt das Plagiat zugrunde und doch wird es zu einer einzigartigen Schöpfung, denn Don Quixote behandelt jedes Wort und jede Geste mit köstlicher Geschicklichkeit.

Das beste Beispiel für die Kunstfertigkeit des Dichters ist der Gebrauch der Sprache. Nachdem er seine Waffen überholt und gereinigt hat, ist sein erster Gedanke, das Pferd Rosinante zu taufen, «ein nach seiner Meinung hoher und volltönender Name», und sich selbst entsprechend Amadis de Gaula zu nennen. Gleich darauf ersinnt er eine weitere aussergewöhnliche Persönlichkeit, die «Herrin seiner Gedanken» und entscheidet sich, ihr den Namen Dulcinea del Toboso zu geben. Ein weiterer klingender Name, «ein Name, der nach seiner Meinung wohlklingend und etwas Besonderes war und zugleich bezeichnend wie alle übrigen, die er sich und allem, was ihn betraf, beigelegt hatte».

Bis zuletzt, als unser Edelmann, erbärmlich geschlagen und besiegt, versucht einen neuen Weg einzuschlagen, wird jede seiner Gesten, Haltungen und Handlungen wie ein eigenes Kunstwerk ausgearbeitet – auch hier von einer literarischen Gattung inspiriert: der Hirtengeschichte. Zurecht sagte Javier Marías, indem Cervantes den Alonso Quijano als «Autor seiner eigenen Biografie» vorstellte, sei der Wahnsinn ein weiterer Aspekt seines «künstlerischen Talents». Dies ist auch eine Offenbarung des Hamlet: «Dass ich in keiner wahren Tollheit bin, nur toll aus List» («aus der Tollheit eine Kunst machen»).


Veranstaltungshinweis

Yuja Wang und Lionel Bringuier
Do 7. Juni, 19.30
Tonhalle Maag