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James Rhodes
© Richard Ansett

Fire on All Sides

Bach, Chopin und Beethoven als Seelenbalsam

Nicolai Morawitz

James Rhodes Schlüssel, seine Ängste und Depressionen erträglich zu machen, ist die Musik. Wie er das schafft, erzählt er in seinem neuen Buch. Deswegen kommt der Pianist aber nicht nach Zürich, sondern um ein Konzert zu geben.

«Fire On All Sides» – Feuer von allen Seiten. So heisst das neue Buch von James Rhodes, dessen deutsche Übersetzung 2018 in den Handel kommt. Der 42-jährige Pianist berichtet darin über seine Ängste und Depressionen und wie es ihm immer wieder aufs Neue gelingt, das Unerträgliche erträglich zu machen. Rhodes, der als Kind von seinem Sportlehrer missbraucht wurde, hat sich durch Kliniken und Therapien gekämpft. Die Musik ist dabei ein Schlüssel für ihn, Bach, Chopin und Beethoven sind sein Seelenbalsam. Als «gerettet» sieht sich Rhodes jedoch nicht, wie er im Interview verrät:

Herr Rhodes, das Thema der Festspiele Zürich in diesem Jahr ist «Schönheit/Wahnsinn» – ein Begriffspaar, das auch Ihre Kunst beschreibt?

Ich denke, dass sich all unsere Arbeit in gewisser Weise auf Schönheit und Wahnsinn bezieht. Verdammt noch mal, besteht nicht unser ganzes Leben irgendwie aus Schönheit und Wahnsinn?! Schönheit und Wahnsinn steckt in der Liebe, Musik, Literatur, Kunst, Architektur, Sex, dem Berufsverkehr, der Kommunikation – ja, bei allem was wir tun.

Würden Sie sagen, dass die Schönheit Ihrer Musik Sie vor dem Wahnsinn gerettet hat?

Ich würde nicht sagen, dass ich schon gerettet bin. Aber die Musik hat mir definitiv geholfen. Sie war bislang die Konstante in meinem Leben und hat mich nie im Stich gelassen. Deshalb ist es auch so erschreckend zu sehen, in welchem Zustand sich die Musikerziehung weltweit befindet. Damit nehmen wir Kindern etwas, das ihnen helfen und sie unterstützen kann. Stattdessen erlauben wir nun jenen den Zugang, die das Geld dafür haben.

Jagen Sie als Pianist nicht manchmal auch wie ein Wahnsinniger die Schönheit – zum Beispiel in den Werken von Bach, Beethoven und Chopin?

Ja, das fühlt sich häufig so an. Manchmal ist es aber auch wieder eine langsame und gemächliche Entdeckungsreise. Auf jeden Fall hilft mir die Musik, wenn mein Kopf droht, ein bisschen verrückt zu werden.

Denken Sie denn, dass Kreativität und Wahnsinn eng miteinander verbunden sind?

Eine direkte Verbindung sehe ich nicht unbedingt. Wir sind doch heute alle ein bisschen wahnsinnig oder verrückt. Für mich ist es immer ein Anzeichen von geistiger Gesundheit und nicht Krankheit, etwas erschaffen zu können. Das Schöpferische ist auch ein Weg durch die Depression und Angst.

Welche Rolle spielt dabei Wut?

Beinahe alles was ich anfange, ist von meiner Wut aufgeladen.

Sie sprechen auch von «persönlichen Dämonen» ...

Ja, wir brauchen so viel Kunst wie möglich, um sie zu bekämpfen. Egal, ob es sich um persönliche oder andere Dämonen handelt. Und wir brauchen Schokolade.

Kann die Kunst und insbesondere die Musik uns vor dem politischen Wahnsinn schützen – gerade in Zeiten von Brexit und Trump?

Ich hoffe es verdammt noch mal! Alles ist so vergiftet geworden und wir brauchen etwas, das uns da durchführt und uns Trost spendet. Kreativität kann uns dabei helfen: Das kann Musik, Schreiben, Kunst, Tanzen, Kochen oder die Fotografie sein. Etwas, das aus unserem Inneren kommt und für kurze Zeit die Flucht ermöglicht.

2016 waren Sie zum ersten Mal in der Schweiz, Deutschland und Österreich auf Tour – was bedeutet es für Sie, in der deutschsprachigen Welt aufzutreten?

Es ist wahnsinnig schön, inspirierend und angsteinflössend zugleich! Ihr habt die genialsten Komponisten, meine Helden! Aber ich habe noch nie vor so leisen Zuschauern gespielt wie in diesen Ländern. So viel Aufmerksamkeit!

Wie haben Sie Zürich und die Schweiz erlebt?

Leider habe ich keinen unmittelbaren Bezug. Zürich war so verdammt teuer! Herrgott nochmal! Was passiert bei euch? Seid ihr insgeheim alle Millionäre? Es war aber auf jeden Fall sehr freundlich und einladend. Ich habe die Zeit genossen.

Verfolgen Sie auch die Arbeit von Schweizer Pianisten wie Teo Gheorghiu, Francesco Piemontesi oder Mélodie Zhao? Wenn ja, was ist ihr Eindruck?

Piemontesi ist einer meiner Lieblingspianisten. Ich habe alle seine Alben und seine neuen Mozart-Konzerte sind eine Offenbarung. Was für eine Leistung! Er ist beinahe unerträglich gut – so wie er werde ich niemals spielen können – und gerade das ist inspirierend. Bei seiner Aufnahme der ersten Sonate von Schumann ist er auf einer Höhe mit Sokolow. Ein grösseres Lob kann ich niemandem aussprechen.


Veranstaltungshinweis

An Evening with James Rhodes
Mo 18. Juni, 20.00
Kaufleuten Zürich