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Dieses Wahnsinnsgewitter, das um einen tobt

Über Sinn und Unsinn von Wahnsinn in der Kunst

Vera Urweider

Anhand von fünf Personen aus der Popkultur zeigt das Theater am Rigiblick wie zerbrechlich das Leben an der Spitze sein kann. Wie nah sich Erfolg und Abgrund, Schönheit und Wahnsinn sein können. Die Musiktheater-Stücke sind aber nicht bloss Unterhaltung, man wird auch Unbekanntes entdecken können. Ein Gespräch mit dem Zürcher Theaterdirektor, Regisseur und Schauspieler Daniel Rohr.

Daniel Rohr ... eines vorweg. Wir müssen über das Wort Wahnsinn nachdenken. Zum einen kennen wir den Wahnsinn als eine psychische Störung, eine Krankheit, die von Wahn kommt, etwas, das man sich einbildet. Es gibt aber noch eine zweite Definition. Der Wahnsinn als grenzenloser Unsinn. Etwas Unvernünftiges. Unsinniges Denken.

Vera Urweider Gut! Dann gehen wir also vom Wahnsinn als grenzenlosem Unsinn und unsinnigem Denken aus. Wie verhält sich dann dies zur Kunst?

DR: Wenn wir nun, wie dies schon John Cage meinte, sagen, dass alles Kunst sein kann, man müsse es einfach in einen gewissen Rahmen stellen, dann sind wir beim grenzenlosen Unsinn. Beim Wahnsinn.

VR: Das heisst, Kunst geht nicht ohne Wahnsinn?

DR: Wenn man Wahnsinn als grenzenlosen Unsinn definiert, dann ist jede Form von Kunst auch eine Form von Wahnsinn. Und dann, dann geht Kunst nicht ohne Wahnsinn. Ja.

VR: Also muss man selber auch wahnsinnig sein, um Kunst machen zu können.

DR: Man muss sich zumindest dem ganzen Wahnsinn um sich herum aussetzen können, wenn man derart an der Spitze ist, wie die fünf Personen, die wir für unsere Tribute-Shows ausgesucht haben. Dieser grenzenlose Unsinn um ihre Person, dieses Wahnsinnsgewitter, das um einen tobt – das muss man ertragen können ...

VR: Oder ... die Kunst macht wahnsinnig?

DR: Dieser Umkehrschluss ist spannend. Oder sogar die Frage nach dem «Was wäre wenn?». Nehmen wir Brian May von Queen. Eigentlich Professor für Astrophysik, bürgerlich aufgewachsen, bastelte als 16-Jähriger eine Gitarre, auf der er heute noch spielt. Was wäre, wenn er nicht das Ventil «Queen» gehabt hätte? Wäre er glücklich gewesen als Astrophysiker? Was wäre aus dem Paradiesvogel Freddie Mercury geworden ohne Queen? Was wäre aus Madonna mit ihrem unglaublichen Bewegungsdrang geworden? Wären diese Stars im Irrenhaus gelandet? Am Rande der Gesellschaft? In Depressionen? Wären sie Verbrecher geworden?

VR: Hmm ...

DR: Wir haben das Glück, dass wir uns mit Menschen beschäftigen dürfen, die der Gesellschaft so viel geschenkt haben zum Thema Wahnsinn, und auch zum Thema Schönheit, weil sie ebendiesen Wahnsinn leben konnten. Und sich so hoch oben diesem Wahnsinn ausgesetzt haben.Hoch oben, mit dieser ganzen Fan-Sache auch. Fan kommt ja von Fanatismus und dieser ist so unermesslich, andere wie Britney Spears beispielsweise, die sind immer wieder daran zerbrochen ...Brad Pitt sagt auch, es gebe nichts Schlimmeres als so berühmt zu sein. Du bist der einsamste Mensch auf Erden. Man setzt sich einfach diesem Wahnsinn aus, in dieser Position.

VR: Sie werden im Juni fünf Tribute-Shows zeigen. Wo steckt der Wahnsinn in den fünf Protagonisten? Beginnen wir mit Madonna.

DR: Madonna bietet sich bei dem Thema “Schönheit und Wahnsinn” förmlich an. Sie hat mit fünf Jahren gesagt, sie wolle einen Weltstar werden und sie ist es geworden. Madonna hat sich alle zwei Jahre selbst neu erfunden, immer irgendwo zwischen Kommerz und Eigenwille. Hart an der Grenze. Eine Frau, die sich nie vor den Männern verbeugt hat. Was ist Mittel zum Zweck? Was ist einfach Sex sells? Das weiss man bei ihr nie. Das ist unglaublich spannend. Und eine Form von Wahnsinn.

VU: Freddie Mercury?

DR: Der war ein Paradiesvogel. Stählte und formte seinen Körper. Unmenschlich. Mercury schaffte es, einen Mikrofonständer, der völlig unsinnig war - hier wieder der Unsinn -, den man nicht mal aufstellen konnte, zum Kunstobjekt zu machen.

VU: Tom Waits?

DR: Tom Waits ist einer, der die Schönheit im Hässlichen sucht. Der an den Rand der Gesellschaft geht. Zu den Prostituierten. Zu den Alkoholikern. Zu den Pennern. Seine Stimme nur noch ein heiseres Krächzen.

VU: Leonard Cohen?

DR: Da liegt die Schönheit und der Wahnsinn in den Texten. Cohen ist sicherlich der grösste Schriftsteller von all den fünf Figuren. Einer, der nicht mit Paradiesvogelfeder sich zu schmücken versucht, sondern eigentlich nicht viel aus sich macht. Er bleibt schlicht.

VU: Und schliesslich Miles Davis?

DR: Miles Davis als letzter, der sagt, er selber gelte nicht, es gehe nur um die Musik. Es ist alles auf die Musik fokussiert, so sehr, dass er sich sogar vom Publikum abwendet, wenn er spielt...

...doch neben dem ganzen Wahnsinn muss man natürlich auch über die Schönheit sprechen. Gerade Menschen wie Madonna und Mercury, die haben natürlich die Modewelt geprägt...

VU: ...also Sie meinen auch die optische Schönheit, nicht bloss die Lyrics oder die Musik.

DR: Genau. Beide. Für die Modewelt nicht mehr wegzudenken...

VU: Und bei Cohen dann die schönen Album-Cover?

DR: Ja total. Aber nicht nur. Er war so ein unglaublicher Gentleman. Ein schöner Mensch einfach. Und wunderbar nah an seinen fantastischen Texten.

VU: Was kann der Besucher bei diesen fünf Tribute-Shows erwarten?

DR: Man erlebt einen Querschnitt durchs Werk. Es sind aber auch immer Songs dabei, unbekanntere, die Entdeckungen sein sollen. Es ist quasi eine Form von Bildungs-Entertainment.

VU: Wie eine Art Dokumentarfilm, einfach am Theater?

DR: Ja genau. Es wird die Geschichte der Person erzählt. Viele kennen vielleicht einige Songs. Haben aber keine Ahnung von der Person dahinter. Oder vom Hintergrund eines Songs. “YMCA” von Village People Ende der 70er-Jahre ist da ein gutes Beispiel. Alle sangen mit. Doch niemand wusste damals, dass das eine Schwulen-Hymne ist.

VU: Abschliessend nochmals zurück zu “macht Kunst wahnsinnig?” - haben Sie sowas schon mal an oder bei sich erlebt? Mit einer Rolle? Ein Erlebnis hart an der Grenze?

DR: Da müssten Sie jemand anderes fragen. Da würde sich der Geschmack von Narzissmus beimischen. Trotzdem... Ich bin immer sieben Tage die Woche hier im Büro oder im Theater. Natürlich bin ich auch gewissermassen ein Wahnsinniger. Ich bin ein Getriebener. Total.


Veranstaltungshinweise

He's Our Man!
So 3. Juni, 18.00
Theater Rigiblick

A Night at the Theatre
So 10. Juni, 18.00
Theater Rigiblick

Like a Virgin?
Mi 6. | Mi 13. | Sa 23. Juni
Theater Rigiblick

The Piano Has Been Drinking...
Di 19. | Mi 20. Juni
Theater Rigiblick

Miles oder die Pendeluhr aus Montreux
Do 21. Juni, 20.00
Theater Rigiblick