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Zeppelinskizze  © Prisca Baumann
Zeppelinskizze © Prisca Baumann

DIE WUNSCHMASCHINE

Essay von Stefan Zweifel

Festspiele 2020

Anlässlich der Installation von Bühnenbildnerin Prisca Baumann auf dem Münsterhof denkt der Autor und Philosoph über die zeitlose und zeitnahe Symbolik des Zeppelins nach.

Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde. Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.
(Aus: Friedrich Nietzsche, «Also sprach Zarathustra», Band 1, 1883)

Einst, da schwebten immer wieder Zeppeline über Zürich und den Zürichsee. Als wäre die Schweiz nur eine kleine Kolonie von Deutschland, das bekanntlich wenig Kolonien besass, kolonialisierte Graf Zeppelin den Himmel für seine Nation; und der kleine Nachbar war der bevorzugte Ort, um aus dem schwebenden Herrensitz die Erhabenheit der Alpen zu betrachten, von Küsnacht nach Küssnacht zu gleiten, die Thermik der Berge zu bezwingen und von oben, nach einem atmosphärischen Tellensprung, die Gratulationsschriften der Schweizer*innen auf ihren Feldern und Dachgärten entgegen zu nehmen. Die Technik schuf eine Art paradiesischen Himmelsgarten, der über Landesgrenzen erhaben war – doch das schwebende Versprechen technischer Allmacht war auch eine Art fliegende Dotcom-Blase, die jederzeit die Aktienkurse mit sich in den Abgrund einer Weltwirtschaftskrise reissen konnte.

Der Zeppelin war jenes Seil, das eine ganze Epoche über Abgründe spannte, die sich in all ihrem Schreck auftaten, als sich die entzündliche Atmosphäre der Weimarer Demokratie im Weltenbrand des Nationalsozialismus entlud wie der Wasserstoff des Zeppelins «Hindenburg» 1937 bei der Katastrophe von Lakehurst, die die hochfliegenden Träume des Grafen ein für allemal erdeten und begruben. In diesem Sinn ist die Installation von Prisca Baumann auf dem Münsterhof bei aller poetischen Schönheit vielleicht auch ein Mahnmal für die prekäre Existenz unserer basisdemokratischen Träume. Aber sie ist auch ein Versprechen für die Kraft der Künste, die den Zeppelin als «Junggesellenmaschine» wieder und wieder neu belebt und aus dem Damals ins Jetzt geholt haben.

«Die Zeppelin-Installation ist vielleicht auch ein Mahnmal für die prekäre Existenz unserer basischdemokratischen Träume.»

Luftwurzeln der Lust

Als Friedrich Nietzsche 1900 starb, erhob sich das erste Luftungetüm von Graf Zeppelin LZ1 vor der Horizontlinie eines neuen Jahrhunderts und befeuerte die Wünsche und Fantasien, die erst 1937 mit dem LZ 129 «Hindenburg» verglühten. Ja, der Zeppelin war ein Sinnbild für den neuen Menschen, ein Seil, gespannt zwischen zwei Weltkriegen, weniger ein Übergang, als ein Untergang. Im gleichen Jahr erschien aber auch Sigmund Freuds «Traumdeutung». Man kann nur ahnen, wie oft die Patienten, aber auch Patientinnen, auf der Couch Träume ausbreiteten, in denen ein Zeppelin, prall gefüllt mit dem Wasserstoff ihrer verdrängten Triebe als Symbol des Phallischen, aufstieg. So trudelte der Zeppelin durch den Rauch, der von Freuds Zigarre aufstieg, diesem winzigen Zeppelin, der mit Nikotin betrieben wird, und durch den Rausch der Zeit.

«Vielleicht tanzen wir wie in den 1920er Jahren ahnungslos auf dem Rand des Vulkans ...»

So wurde der Zeppelin zum Symbol verschiedener Epochen und Epochenschwellen am Anfang des 20. Jahrhunderts. Zunächst verkörperte er den Traum des Fliegens, die Überwindung der Schwerkraft – und es ist kein Zufall, dass die Gebrüder Santos-Dumont zunächst Zeppeline und dann frühe Flugzeuge bauten. In den 1910er Jahren wurde dieser zivile Traum ins Militärische entgrenzt, bis die ersten Zeppeline von den hoch und immer höher steigenden Flugzeugen abgeschossen wurden als leichte, allzu fette Beute. In den 1920er Jahren aber wurde der Zeppelin zur Bühne, in der sich das Leben als Feier des Jetzt austoben konnte: mit Rauchsalon und hängenden Betten, um die Turbulenzen abzufedern, mit Tanz und Cocktails. Die silbern schimmernde Hülle des Zeppelins wurde 1929 gleichsam vergoldet, als «Graf Zeppelin» bei der Weltfahrt Stadt für Stadt von Zehntausenden empfangen wurde. Luftwurzeln zu schlagen, war gerade auch der Traum der Entwurzelten und Entrechteten. Das Zürcher Publikum wird sich an Christoph Marthalers «Kasimir und Karoline» erinnern, wo das Luftschiff über den Rummel- und Tummelplatz der kleinen Leute und kleinen Gauner*innen schwebte. Den Blick nach oben, kippten sich die trostlosen Gesellen Bier in den Schlund, um vom grossen Coup zu träumen. Eigentlich wäre der Zeppelin jungfräuliches Sehnsuchtsbild und das Gegenstück der niederen Gewalt, die sich im Festrummel immer wieder entlädt. Aber sein bedrohliches Dröhnen ist natürlich auch das Wunschbild männlicher Vergewaltigungsfantasien.

Himmelsbusen

Doch die platte Analogie des Phallischen wird von verstörenden Fotografien gebrochen, die die Spitze des Zeppelins von vorn fotografiert wie eine Brustwarze wirken lassen – ein Himmelsbusen, an dem man die Milch der Wolken trinken kann. Und es ist bestimmt kein Zufall, dass die Zeppeline wie Schiffe weiblich adressiert werden – «die Hindenburg», «die Graf Zeppelin». So auch die «die Demoiselle», die fliegende Jungfrau in einem Roman von Raymond Roussel, der Marcel Duchamp zu seinem Jahrhundertwerk «Die Braut, von ihren Junggesellen nackt entblösst» inspirierte: Diese Idee der Kunst als «Junggesellenmaschine» gipfelte 1975 in der berühmten Ausstellung von Harald Szeemann und ist bis heute eine Inspirationsquelle für Künstler*innen.

In Epochenschritten vollzieht sich in der Kunst und im Alltag jene ewige Wiederkunft des Gleichen, die Nietzsche angekündigt hatte, als er vom Menschen sprach, der wie der Zeppelin ein Seil ist, gespannt zwischen einem Abgrund, dem wir vielleicht noch nie so nah waren wie hier und heute! Vielleicht tanzen wir wie in den 1920er Jahren auf dem Rand des Vulkans, ohne zu ahnen, dass wir bei allem Untergang vielleicht ein Übergang sind zu einem Glücksaugenblick, den man einst im sanften Schweben des Zeppelins über dem Zürichsee erblickt hatte. Eine Wunschmaschine.


Als Antwort auf das Festival-Thema «Die 20er Jahre – Rausch des Jetzt» hat die Bühnenbildnerin Prisca Baumann einen Zeppelin auf dem Münsterhof «landen» lassen. Die begehbare Installation bringt die Aufbruchsstimmung der themengebenden 20er Jahre auf den Punkt: Er steht für den damaligen Zukunftsglauben und Fortschritt, für die weltweite Beschleunigung, aber auch für einen brandgefährlichen Grössenwahnsinn. Als Fortbewegungsmittel längst wieder verschwunden, beflügelt der Zeppelin noch immer unsere Fantasie. Prisca Baumann ist Bühnenbildnerin und ihr Entwurf gewann die 2018 lancierte Ausschreibung für das Festivalzentrum der Festspiele Zürich 2020. Die Bühnen- und Kostümbildnerin ist vor allem an Theatern tätig, unter anderem am Schauspielhaus Zürich, am Konzert Theater Bern, am Staatstheater Stuttgart und am Theater St. Gallen. Sie lebt seit vielen Jahren in Zürich – nur einen Steinwurf vom Münsterhof entfernt.

Der Autor und Philosoph Stefan Zweifel schreibt regelmässig für verschiedene Zeitschriften über Literatur und Kunst. Bis 2014 moderierte er den Schweizer Literaturclub, er war Gastgeber verschiedener Gesprächsreihen am Schauspielhaus Zürich und am Burgtheater Wien. Zudem ist er auch als Kurator tätig, wie zuletzt für «Imagine 68. Das Spektakel der Revolution» am Landesmuseum Zürich.

Prisca Baumann  © Anne Morgenstern
Prisca Baumann © Anne Morgenstern
Stefan Zweifel © Schweizer Radio Fernsehen (SRF)
Stefan Zweifel © Schweizer Radio Fernsehen (SRF)