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Kultur geht auch unter freiem Himmel.
Kultur geht auch unter freiem Himmel.

Die Kultur blüht

Formatevielfalt unter «Physical Distancing»

Inspirationsmomente

Fast scheint es, das das bundesrätlich verordnete «Physical Distancing» (so das aktualisierte WHO Wording, das uns so viel besser gefällt als «Social Distancing») die Vielfalt fördert. Schon nach wenigen Wochen Lockdown spriessen die Kulturangebote und wer mit einem monotonen Katalog an schlecht gefilmten Live-Veranstaltungen rechnet, liegt falsch. Wir von den Festspielen haben unsere Favoriten zusammengetragen; Formate, die uns besonders überraschen, begeistern, inspirieren, irritieren, zum Lachen oder Nachdenken bringen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit – weitere Tipps sind weiterhin willkommen und werden gerne ergänzt (Mail an community@festspiele-zuerich.ch).

Das artsprogram der Zeppelin Universität im grenznahen Friedrichshafen veranstaltet eine jährliche «Lange Nacht der Musik», ursprünglich eine studentische Initiative mit inzwischen mehreren hundert Besucher*innen pro Ausgabe. Die «Lange Nacht» vom 30. April 2020 wurde nun kurzerhand in den virtuellen Raum verlegt, inklusive der Räumlichkeiten: Das Kulturhaus Caserne wird ebenfalls digitalisiert und kann wie das Musikangebot interaktiv erkundet weden. Unterstützt wird die Digitalisierung von museum@home, eines ebenfalls coronageborenen Kollektivs.

Weitere musikalische Angebote gibt's beim «Galotti-Fenster» des gleichnamigen Musikhauses auf deren Website, wo Videos, aber auch Tipps, Links und Noten geteilt werden.

Warum eigentlich nur das Abendessen nach Hause bestellen? Noch bis Anfang Mai ist der Lieferdienst «Soulfood Delivery» der Guerilla Classics buchbar. Professionelle Musiker*innen spielen «live und in echt» mit sicherer physischer Distanz: Vor Ihrer Haustür, in Ihren Garten oder Innenhof.

Auch das Luzerner Theater bringt Musik in die Höfe und gleichzeitig ins Internet: Bei der Reihe «Hofkonzerte» begeben sich Sänger*innen des Opernensembles in die Innenhöfe der Stadt, gleichzeitig wird die Darbietung ins Netz übertragen.

Auch auf ganze Opern- und Ballettabende muss aktuell niemand verzichten: Bequem von Zuhause aus kann im Format «Heimspiel» des Opernhaus jeweils von Freitag bis Sonntag eine Produktion kostenlos gestreamt werden.

Hintergründe aus der Produktionsstätte Opernhaus erfährt man im Podcast «Zwischenspiel», der zweimal wöchentlich eine Person, die am Haus beschäftigt ist, befragt.

Alle, die gerne zuhören, kommen auch im «Geschichtenoase Special» auf ihre Kosten: Dank einer Kooperation des Storytelling-Festivals mit Radio Lora werden jeweils Montags um 21 Uhr Geschichten vorgelesen und musikalisch begleitet.

Für eher visuelle Typen gibt es zahlreiche digital zugängliche Ausstellungsangebote. Das Stapferhaus in Lenzburg hat die aktuelle Schau «Fake» kurzerhand in den virtuellen Raum verlegt und mit Inhalten mit Aktualitätsbezug ergänzt: Nie waren die Fragen nach Wahrheit, Vertrauen, Fakten und Lügen virulenter...

Die Fondation Beyeler hält mit ihrer Angebotspalette von Führungen über Mitmach-Challenges bis zur Mediathek auch Haushalte mit mehreren Generationen während mehreren Tagen komplett beschäftigt.

Wer diese aussergewöhnliche Zeit Zuhause professionell dokumentieren und damit zu einem Gesamtprojekt (und am Ende Buchprojekt) beitragen möchte, wendet sich an das Berner Fotografenduo Lisa und Remo Ubezio (die, die Kampagne der Festspiele 2018 mitverantwortet haben): Unter dem Schlagwort #togetherathome porträtieren sie die Menschen in der aktuellen Situation zuhause. Es entstehen kurze Interviews via Whatsapp und Fotos der Familien, Wohn- und Lebensgemeinschaften, Einzelpersonen, mal mit, mal ohne Haustiere. Voraussichtlich noch bis 11. Mai 2020 – auch im Raum Zürich bzw. der ganzen Schweiz.

Nach selbst erstellten Videos fandet das Schauspielhaus beim Format der Offenen Bühne, das sich an junge Menschen richtet. Spezielle Talente und eingehend einstudierte Darbietungen werden in Videos von max. 5 Minuten Dauer und im Format Mp4 festgehalten und an theaterjahr@schauspielhaus.ch gesendet.

An alle, die Lust dazu haben – alters- und erfahrungsunabhängig – wendet sich die Kunsthalle mit ihrem Aufruf, sich eine Ausstellung für den 3. Stock des Ausstellungsorts auszudenken. Die Entwürfe und Modelle werden dann bei einer grossen Schau gezeigt, wenn die Kunsthalle wieder öffnen kann. Einsendungen noch bis Mitte Juni 2020.

Auch die analogen Formate sind nicht verschwunden: Das Autokino in Oberhausen (leider hinter der geschlossenen Grenze in Deutschland) bietet von Filmen über Comedy bis Gottesdienste alles im Drive-in Modus. Wegen Lärmschutzauflagen ist man angehalten per Lichthupe zu applaudieren. Vielleicht ziehen Schweizer Veranstalter*innen nach?

Eine besonders charmante wie unberechenbare Aktion ist des Kunstkollektivs Wildwuchs: Sie haben vier Notizbücher auf eine postalische Reise durch die Schweiz geschickt, worin die Empfänger*innen ihre Corona-Eindrücke, -Erlebnisse (oder deren Ausbleiben) festhalten und anschliessend an eine nächste Person ihrer weitersenden können. Es entsteht ein kollektives Corona-Tagebuch.

Man kann auch aktiv dafür sorgen, dass mal wieder was anderes als Rechnungen im Briefkasten landet: Das Neumarkt lädt mit «52 Hertz – Ein Zuhause Theater» zur «ersten analogen Theaterproduktion seit Ausrufung der aussergewöhnlichen Lage». Das Theatererlebnis beginnt mit dem Öffnen des Umschlags zu einem festgelegten Zeitpunkt, der einem zugestellt wird nach Ticketkauf (bis zwei Tge vor Vorstellung – limitiert auf 30 Personen). Premiere ist am 30. April 2020 – wir sind auf jeden Fall dabei!