zurück

Der Wahn vom kreativen Wahnsinn

Jan Söffner, Zeppelin Universität Friedrichshafen

Der kreative Wahnsinn ist eine fixe Idee der gegenwärtigen Kultur, die im Westen auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Doch wieviel ist eigentlich an ihr dran?

Der kreative Wahnsinn ist ein Mythos, der zwar auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, deswegen aber nicht wirklicher wird – und der vor allem ein westliches Phänomen ist. Dahinter steckt die kollektive Angst vor der Kreativität. In den westlichen Industrienationen leiden 25 bis 45 % der Bevölkerung zumindest übergangsweise an psychischen Beschwerden. Besonders kreative oder sogar geniale Menschen sind nicht überproportional vertreten. Psychische Unauffälligkeit scheint sogar kreativer zu sein als der Wahnsinn.

Schrullen, Marotten und ein Spleen

Woran liegt es also, dass sich das Bild des kreativen Wahnsinns so notorisch hält und dass man den paar wirklich wahnsinnigen Künstlern nicht mit medizinischen Angeboten, sondern mit einer merkwürdig weihevollen Ehrfurcht entgegentritt?

Warum setzt man Künstler dem Zwang aus, sich als irre stilisieren zu müssen – womit man sie zu Schrullen, Marotten und Selbstgefälligkeiten anleitet, die man dann im Gegenzug ertragen muss?

Die Paarung von Kreativität und Wahnsinn scheint ein okzidentales Phänomen zu sein. In anderen, noch nicht unter das Diktat des globalen Westens geratenen Gesellschaften muss man, wenn überhaupt, nur den Wahnsinn der Ärzte und Prognostiker ertragen. Vor allem der Schamanismus kennt die Besessenheit von Heilern und Sehern. Von einer solchen Wahrsagerei leitet sich auch der älteste Beleg für einen «kreativen Wahnsinn» im Westen her. Sokrates meint in Platons Phaidros-Dialog, die Wahrsagekunst (mantike) sei in Wahrheit eine Wahn Kunst (manike) – und behauptet dann, auch die Kreativität (poiesis) sei Sache der Besessenheit (mania). So beginnt der kreative Wahnsinn. Allerdings wird es sogleich wieder still um ihn – zumindest für ca. 1800 Jahre: bis von dem Philosophen und Arzt Marsilio Ficino die Melancholie (d. h. das Übermass an schwarzer Galle, englisch: spleen) zum Kennzeichen einer Form der Schöpferkraft erhoben wird. Ficino hielt die Melancholie aber in den meisten Fällen für pathologisch und denkbar unproduktiv.

Weggesperrte Kreativität

Seine eigentliche Wirkmacht gewinnt der kreative Wahnsinn vor ca. 250 Jahren – im «Sturm und Drang» und in der Romantik, im Spleen der Dandys, im Mesmerismus, im Kult der psychoaktiven Drogen, in Poe, Baudelaire, Van Gogh, Nietzsche, Lautréamont, in Freuds Studien zur Psychopathologie der dichterischen Phantasie, in der surrealistischen Feier der Hysterie und der Paranoia – vor allem aber in der kolonialistisch inspirierten Annäherung des «Geisteskranken» an die «Primitiven». Der Wahnsinn wurde für ursprünglich und unverfälscht gehalten – und man schrieb ihm Kreativität zu.

In dem Moment, da die westliche Kultur ihrer eigenen psychischen Normalität die Fähigkeit zur Kreativität abspricht, beginnt sie, genau darin ihre Erfüllung zu sehen. Zugleich macht sie diese Kreativität aber bei denjenigen aus, die sie als «Primitive» romantisiert (und versklavt) bzw. als Wahnsinnige in Irrenanstalten und Kunstinstitutionen wegsperrt. Damit ist die Frage, wie kreativ der Wahnsinn sei, zwar eher unbefriedigend beantwortet. Dafür aber ist eine andere Frage interessanter geworden, mit der ich die Leserinnen und Leser allein lassen möchte, nämlich: Wie wahnsinnig ist eigentlich die Kreativität?