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Wolfram Eilenberger © Annette Hauschild
Wolfram Eilenberger © Annette Hauschild

DER PERFEKTE STURM

Interview mit Wolfram Eilenberger

Festspiele 2020

Im Gespräch beschreibt der Philosoph Wolfram Eilenberger vier brisante gesellschaftliche Entwicklungen, die auf die 1920er Jahre, aber auch auf unsere Gegenwart zutreffen: Wir erleben eine Beschleunigung, eine Revolution der Informationstechnologie, einen gewaltigen Globalisierungsschub – nicht zuletzt dank neuer Mobilität – und schliesslich die nach dem Ersten Weltkrieg noch nicht gefestigten und heute aufs Neue geschwächten Demokratien. Diese vier Thesen haben die Arbeit der Festspiele für die Ausgabe 2020 eng begleitet und spiegeln sich nun im Festspielprogramm.

Karolin Trachte Warum nennen Sie die Jahre 1919–1929 im Titel Ihres Buches die «Zeit der Zauberer»?

Wolfram Eilenberger Die Zwanziger Jahre sind keine Dekade unter anderen. Dass sie das nicht sind, das ahnt irgendwie jeder. In dieser Zeit wurden allerorts Standards gesetzt, mit denen wir bis heute arbeiten. Das ist nicht meine Erfindung, und es gilt für viele akademische Bereiche wie die Wirtschaftswissenschaften, die Romanistik oder sogar die Chemie. In «Zeit der Zauberer» argumentiere ich im Hinblick auf die Philosophie, dass in diesen zehn Jahren im Prinzip das gesamte Zelt unseres Denkens aufgeschlagen wurde. Alle grossen geistigen Strömungen der modernen Philosophie bis heute nehmen hier ihren Ausgang. Den Anfang macht Ludwig Wittgenstein mit seinem «Tractatus Logico-Philosophicus», der 1919 beendet ist und 1922 erscheint. Ohne dieses Werk sähe die philosophische Landschaft komplett anders aus. Dann folgen Heideggers zehn Jahre, die der Ursprung von drei grossen Strömungen sind: dem Existenzialismus von Sartre, der Hermeneutik von Gadamer und im Weiteren auch – vielleicht nicht ganz so unstrittig – der Dekonstruktion. Ohne die Impulse Heideggers wäre in meinen Augen auch diese nicht denkbar. Dann gibt es Walter Benjamin als Ur- und Ahnen-Gestalt der kritischen Theorie und der Frankfurter Schule. Und schliesslich Ernst Cassirer, der eine leicht vergessene und doch immer wirksame Fundierung dessen schuf, was wir heute Kulturwissenschaft nennen. Diese vier Werke der 1920er Jahre stecken im Wesentlichen das Feld des Denkens bis heute ab. Da fehlt kaum etwas, mit Ausnahme vielleicht des Strukturalismus – aber wenn man Cassirer genau liest, ist auch der schon dort angelegt. Mein Buch ist also von der These getragen, dass dies eine Achsen- und Ursprungszeit ist, in der die Gleise unseres heutigen Denkens gelegt wurden. Und dass wir uns immer noch auf diesen Gleisen befinden ...

KT Ist das der Grund, weshalb sich vieles unserer Gegenwart in den 1920ern zu spiegeln scheint?

WE Es gibt natürlich keine sinnvolle Parallelisierung von Zeitaltern. Aber es gibt Zeitgeistphänomene, die sich aufgrund gewisser Konstellationen ähneln. In den 20er Jahren gibt es eine massive kulturelle Desorientierung, die sich zunächst mal aus den Schreckenserfahrungen des Ersten Weltkriegs speist. Dieser Krieg und wie er die Menschen hinterlässt, ist eine Erfahrung der kompletten Sinnlosigkeit. Die kulturelle Desorientierung wird aber weiter verschärft. Erstens erleben die Menschen eine unglaubliche gefühlte Beschleunigung der Lebenswelt. Was insbesondere mit Informationszirkulation zu tun hat: Immer mehr Informationen bewegen sich immer schneller aufgrund von technischen Innovationen, also Radio und Telefon. Und der Medien-, d. h. Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt explodiert, zumindest in Deutschland, in einer völlig verrückten Weise. Hinzu kommt die Gefahr der Desinformation – oder was wir heute Fake-News nennen – weil durch die Kriegspropaganda offizielle Verlautbarungen nicht mehr uneingeschränkt glaubwürdig sind. Dann würde ich sagen, gibt es zweitens in den 20er Jahren eine Art Globalisierungsschub, durch den die Welt deutlich «kleiner» wird. Es gibt die Ozeanüberquerungen, zum Beispiel mit dem Zeppelin, das lässt die Kontinente spürbar näher zueinander rücken. Darin liegt die dritte Entwicklung: eine völlig neue Mobilität. Es dauert nicht mehr drei Monate, den Atlantik zu überqueren, sondern nur noch einige Tage. Und schliesslich sind in den 1920er Jahren viertens die Demokratien jung und labil und durch Angriffe von den extremen Rändern stark bedroht. Kommunismus und Faschismus buhlen um die Wut der bürgerlichen Gesellschaft.

«Die 1920er Jahre sind eine Achsen- und Ursprungszeit, in der die Gleise unseres heutigen Denkens gelegt wurden.»

KT Was bedeutet das für die «nächsten 20er Jahre», die 2020er?

WE In den 1920er Jahren gab es noch zusätzlich wirtschaftliche Schwankungen, die in der Wirtschaftskrise 1929 gipfelten. Mit anderen Worten: Wenn wir diese vier obigen Aspekte heute schon zusammenbringen, fehlt nur noch eine Wirtschaftskrise zum perfekten Sturm. Wenn man das weiterspinnen will, dann steuern wir wieder auf schlimme Zeiten zu. Das sage ich nicht im Sinne von Fatalismus oder Unabwendbarkeit! Aber wenn man ernst nimmt, dass man aus geschichtlichen Konstellationen etwas lernen kann, dann sind die wirtschaftlichen Schwankungen der Schlüsselmoment für die aufkommende Katastrophe.

KT Was bedeutet das für den «Rausch des Jetzt», also für das Lebensgefühl, die Philosophie und die Kunst heute oder in der nahen Zukunft?

WE Der Hintergrund dessen ist ja immer die These, dass Zeiten schwerer kultureller Desorientierung gute Zeiten für die Kunst sind. Das ist bekanntlich auch für die vergangenen 20er Jahre richtig. Und somit gibt es zu meiner düsteren Prognose auch eine positive Deutung: dass wir derzeit möglicherweise wieder in einer extrem dynamischen Phase leben, ohne uns das selbst klarmachen zu können. Das würde bedeuten, dass es da draussen einen neuen Walter Benjamin oder einen neuen Ludwig Wittgenstein gibt, von dem wir dann in 50 Jahren sagen werden: «Wow! Es ist vor unseren Augen geschehen, wir waren mittendrin, deswegen haben wir es nicht gesehen ...»


Der Philosoph und Schriftsteller Wolfram Eilenberger veröffentlichte «Zeit der Zauberer – Das grosse Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929» im Frühjahr 2018. Er fasste das Jahrzehnt entlang der vier Philosophen-Biografien in eine wunderbare erzählerische Form und erreichte damit ein breites, internationales Publikum. Der Titel wird in über 20 Sprachen übersetzt. Eilenberger ist auch als Moderator der Sternstunde Philosophie bekannt und lehrte an verschiedenen internationalen Universitäten, unter anderem an der ETH Zürich.