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v.l.n.r.: Cathérine Hug (Kuratorin Kunsthaus Zürich), Jakob Tanner (Historiker Universität Zürich) und Karolin Trachte (Kuratorin Festspiele Zürich) bei der Podiumsdiskussion.
v.l.n.r.: Cathérine Hug (Kuratorin Kunsthaus Zürich), Jakob Tanner (Historiker Universität Zürich) und Karolin Trachte (Kuratorin Festspiele Zürich) bei der Podiumsdiskussion.

Damals und Demnächst: Die Zwanzigerjahre

Plattform Festspiele #1 mit Jakob Tanner und Cathérine Hug

Blick in die Zukunft

Die Festspiele suchen das Gespräch. Statt in der stillen Kammer Thema und Programm auszubrüten, beziehen wir unser Publikum bereits während der Entwicklung ein. Neben den Community-Workshops gewährleistet das auch das Format „Plattform Festspiele“. Experten und Expertinnen teilen ihr Fachwissen mit uns und stellen sich der Diskussion. Als Auftakt konnten wir den Professor Jakob Tanner und die Kuratorin Cathérine Hug für Impulsreferate gewinnen.

Zur Strasse hin sind die neuen Räumlichkeiten der Festspiele verglast; vorbeigehende Passanten und Passantinnen können dem Team beim Arbeiten zusehen. Es bleibt nicht beim Zuschauen – das Programm der Festspiele wird künftig im Dialog mit den Zürchern und Zürcherinnen entwickelt. Neben den Community-Workshops trägt die neue Reihe „Plattform Festspiele“ massgeblich dazu bei. Dieses Format bietet konkrete Einblicke in die laufende Programmplanung und die Entwicklung des Festspiel-Themas 2020. Ende November haben wir zum ersten Mal die Glastüren an der Josefstrasse geöffnet. Gekommen sind rund 50 Interessierte, darunter zahlreiche Vertreter und Vertreterinnen der Kulturinstitutionen, mit denen wir unser Programm gestalten. Auf dem Podium durften wir zwei besondere Gäste willkommen heissen: Jakob Tanner, emeritierter Professor für Geschichte, und Cathérine Hug, Kuratorin des Kunsthauses, schauten für uns 100 Jahre zurück – mit der Gegenwart im Blick. Darum wird es gehen bei der nächsten Ausgabe der Festspiele: Wir wollen die 1920er Jahre zu den bevorstehenden „Zwanzigerjahren“ – den 2020er Jahren – in Bezug setzen und dabei einen besonderen Fokus auf die Schweiz legen.

Die Geschichte kann vergleichen, nicht gleichsetzen, hält Jakob Tanner fest. Zahlreiche heutige gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten haben ihren Anfang in den vergangenen Zwanzigerjahren: die staatliche Altersvorsorge, das moderne Konsumverhalten, die Urbanisierung zum Beispiel Zürichs und die Regulation von Migration kamen in der Schweiz nach dem Ersten Weltkrieg auf. Andere damalige Entwicklungen sind an der Schwelle der 2020er wieder äusserst aktuell: Phänomene wie zunehmende Mobilität und aufkommende Massenmedien beflügeln und verunsichern heute wieder gleichermassen.

Auch Cathérine Hug spricht die Ambivalenz der 1920er an. Während einerseits die Schatten des Kriegs nachwirken, nimmt die weibliche Emanzipation Fahrt auf. Kriegsversehrung und starke Frauenfiguren finden Eingang in die Kunst, die damals radikal neue Wege geht. Nicht alle Neuerungen sind von Dauer – „Schall und Rauch“ (Arbeitstitel) wird die grosse 1920er-Jahre-Ausstellung im Kunsthaus vermutlich heissen.

Lassen sich nicht in jeder Epoche Tendenzen und Gegentendenzen ausmachen? Ist dies wirklich ein Merkmal der 1920er Jahre? Cathérine Hug spricht von einem Pendel, das damals deutlich weiter ausschlug als in anderen Epochen. Jakob Tanner sieht in den begangenen Tabubrüchen der „roaring twenties“ eine Tragweite. Zum Beispiel hat Dada die Grenzen des damaligen Kunstverständnisses gesprengt – was Kunst kann, darf und soll wurde völlig neu gedacht. Der Bruch dieses Tabus kann nicht wiederholt werden; der Effekt ist bleibend. Ob die 2020er Jahre ähnlich grundlegende Neuerungen bereithalten?

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