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„Tosca“, © Benedikt Kobel 2018
„Tosca“, © Benedikt Kobel 2018

Blutiger Wahnsinn

Oper im Zeitalter von #MeToo

Béatrice Acklin Zimmermann, Paulus Akademie

Würde man die Forderung nach Entrümpelung des Opernspielplans von Werken, die aus feministischer Optik anstössig sein könnten, zu Ende führen, bliebe zu guter Letzt ein dünnes Repertoire an Opern, das ebenso politisch korrekt wie blutleer und realitätsfremd wäre. Dabei fängt die Oper mit dem Rätselhaften, Verborgenen und Abgründigen des Menschen doch erst an.

«Schluss mit dem Wahnsinn» betitelte Sibylle Berg in ihrer Magazin-Kolumne die Häufung von wahnsinnsbefallenen Frauenfiguren wie Lucia di Lammermoor, Anna Bolena oder Bellinis Elvira und forderte vehement die Entrümpelung der Opernspielpläne.

Schluss endlich – so haben feministische Geister nachgedoppelt – mit der Opernbühne, auf der Männer kämpfen, regieren und intrigieren und Frauen lieben, leiden und verrückt werden.

In der Tat: Belästigungen, Übergriffe und Demütigungen von Frauen sind auf der Opernbühne an der Tagesordnung, Gewalt, Missbrauch und Zwangsverheiratung treiben die Protagonistinnen in den Wahnsinn, der bisweilen blutig endet.

Lucia di Lammermoor ist die berühmteste in der langen Kette wahnsinniger Frauen, die die Oper seit ihrer Erfindung bevölkern. Ihr Schicksal lässt das Publikum in wohliger Anteilnahme erschaudern: Zwangsverheiratet wird Lucia zur Gattenmörderin und die Opernbühne zum Tatort. Mit dem blutigen Messer, das sie zuvor dem ihr aufgezwungenen Gatten in den Leib gerammt hat, schneidet die dem Wahnsinn Verfallene die Hochzeitstorte an. Im Wahn feiert sie die Vermählung mit dem Geliebten.

Die verrückt gewordene Lucia, die von ihrem Peiniger in den blutigen Wahnsinn getrieben wird, die vielen Frauen in der Opernliteratur, die notorisch belästigt, begrabscht und beschmutzt werden, sie alle hätten – so möchte man meinen - zur aktuellen #MeToo-Debatte einiges beizusteuern.

Hat die Oper also ein notorisches Frauenproblem?
Ist, wer sich – Gott sei’s geklagt – an den Irrungen und Wirrungen der Geschlechter auf der Bühne des Musiktheaters erfreut, ein Frauenfeind?
Ist die Oper in voremanzipatorischen Kinderschuhen steckengeblieben?
Ist sie gar die frauenfeindlichste aller Kunstformen?
Sollten Opern, die feministisch nicht „clean“ sind, künftig in den Giftschrank gesperrt oder wenigstens zuhinterst ins Archiv verbannt werden?
Muss, wer die Lucia di Lammermoor künftig aufführt, es so machen wie die Covent Garden Opera, die unlängst vor der Premiere von Donizettis Belcanto-Hit eine prophylaktische Warnung verschickte, es könne in dieser Oper blutig werden und es gäbe Sex und Gewalt zu sehen?
Hilft es, wenn man die klassischen Geschlechterrollen aufmischt, so wie es ein Florentiner Regisseur kürzlich in der von ihm inszenierten Oper „Carmen“ getan hat? Aus Protest gegen die Ermordung von Frauen durch Lebenspartner, eifersüchtige Ex-Ehemänner und verstossene Liebhaber vertauschte er kurzerhand Opfer- und Täterrolle und gab der Protagonistin einen Revolver in die Hand, mit dem sie ihren aufdringlichen Liebhaber erschoss. Dafür erntete der Regisseur vom politisch korrekten Bürgermeister Lob, vom Publikum hingegen nur Buhrufe.

Würde man die Forderung von der Entrümpelung des Opernspielplans von Meisterwerken, die aus feministischer Optik anstössig sein könnten, konsequent zu Ende führen, bliebe zu guter Letzt ein dünnes Repertoire an Opern, das ebenso politisch korrekt wie blutleer und realitätsfremd wäre. In den Nachrichten wird zwar gemetzelt, die Printmedien liefern täglich Bilder von Kriegsopfern ins Haus und der Boulevard schildert in Serie den sexuellen Missbrauch. Aber ausgerechnet die Oper soll clean und aseptisch sein und mit der Realität, die eben auch schmutzig, absurd und schrecklich ist, nichts zu tun haben? Dabei fängt die Oper mit dem Rätselhaften, Verborgenen und Abgründigen des Menschen doch erst an.


Illustration

Benedikt Kobel ist Ensemblemitglied an der Wiener Staatsoper und Illustrator.
Publikationen von Benedikt Kobel im Amalthea Verlag: Verlag Amalthea.at

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