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Miriam Kremer, Angela Meyenburg und Daniel Schmid von KulturLeben Berlin
Miriam Kremer, Angela Meyenburg und Daniel Schmid von KulturLeben Berlin

3 Fragen an... KulturLeben Berlin

Hinter den Kulissen

Was war Euer grösster Erfolg, Euer eindrücklichstes Aha-Erlebnis, Euer fundamentalster Irrtum, im Umgang mit Partizipation und Communities?

In Deutschland ist eine stetig wachsende Bevölkerungsgruppe mit geringem Einkommen von kultureller Teilhabe so gut wie ausgeschlossen. Menschen, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind, müssen mit dem sogenannte Regelbedarf auskommen, der grundlegende Ausgaben zur Sicherung des Lebensunterhalts vorsieht und ein menschenwürdiges Existenz-minimum gewährleisten soll. Nach Abzug von Miet- und Heizkosten sowie Krankenversicherung bleiben einem alleinstehenden Erwachsenen aktuell 424 Euro netto im Monat. Mit diesem Betrag müssen alle anfallenden Kosten für Ernährung, Körperpflege, Kleidung, Strom und Hausrat abgedeckt werden – auch die Kosten für die Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben.

In Berlin erhalten Menschen, die ALG 2 beziehen zwar den sogenannten BerlinPass, der neben einem vergünstigten Monatsticket für die öffentlichen Verkehrsmittel u.a. den Besuch kultureller Veranstaltungen für 3 Euro ermöglicht. Doch auch diesen geringen Betrag können viele nach Abzug aller monatlich anfallenden Kosten des täglichen Bedarfs oft nicht mehr aufbringen.

Unser größter Erfolg ist gleichzeitig unser größtes Aha-Erlebnis und trägt die Angst vor dem Scheitern in sich: Aktuell erreichen wir überwiegend auf freiwilliger Basis und mit einem Jahresbudget von 24.000 Euro rund 29.000 Menschen mit geringem Einkommen in Berlin, die durch unsere Vermittlung und die Unterstützung unserer Partner kostenlose Kultur-veranstaltungen besuchen können – eine Riesenverantwortung! Scheitern würde für uns bedeuten, nicht auch weiterhin alles tun zu können, was in unseren Kräften steht, um unser Angebot aufrecht zu erhalten – und darüber hinaus auch all diejenigen zu erreichen, die das Bedürfnis nach kultureller Teilhabe verspüren und KulturLeben Berlin noch nicht kennen.

Inwiefern lassen sich Euer Einsichten und Strategien aus dem Umgang mit den Themen Communities und Partizipation auf die Kultur(produktion) übertragen?

KulturLeben Berlin praktiziert über die persönliche telefonische Vermittlung nicht verkaufter Tickets eine niedrigschwellige Methode, um Menschen mit geringem Einkommen kulturelle
Teilhabe zu ermöglichen. Der Verein erreicht so nachweislich auch Menschen in schwierigen sozialen Lebenssituationen und kann sie zum Kulturbesuch motivieren.

Das direkte Gespräch hat zentrale Bedeutung: Viele Menschen, die aus finanziellen Gründen lange nicht mehr am Kulturleben teilgenommen haben, fühlen sich nicht mehr zugehörig, auch wenn sie grundsätzlich kulturinteressiert sind. Um Ängste abzubauen und Zugangsschwellen zu senken, benötigt es Zeit, persönliche Ansprache, Motivation und ein ermutigendes Heranführen an bislang unbekannte Orte.

Für Kulturveranstalter ist die Methode kaum umsetzbar. Im normalen Kulturbetrieb bleibt nicht die Zeit für persönliche Vermittlungsgespräche, so dass man gezwungen ist, auf das Mittel des ermäßigten Eintrittspreises zurückzugreifen. Kostenlose Angebote oder ermäßigte Eintrittspreise allein reichen aber oft nicht aus, um psychische Barrieren zu überwinden. Hier kann KulturLeben Berlin die Kulturbetriebe unterstützen. Über KulturLeben Berlin verbessern sie ihre Auslastung, so dass eine nachhaltige und optimale Ausnutzung vorhandener Ressourcen gefördert wird. Außerdem erfüllen Kulturpartner ihren Bildungsauftrag, indem sie neue Zielgruppen ansprechen, die über die normale Maßnahmen der Besucherorientierung schwer erreicht werden, da sie sozialisationsbedingt keinen Zugang zu Kulturangeboten erfahren haben.

Warum gerade Kultur? Bestimmt seid Ihr oft mit dem Vorbehalt konfrontiert, dass es den EmpfängerInnen Eurer Tickets an Grundsätzlicherem mangelt. Was entgegnet Ihr?

«Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen» heißt es in Artikel 27 der UN-Menschenrechte-Charta.

Kulturelle Teilhabe ist ein Menschenrecht und wesentlicher Bestandteil einer menschenwürdigen Existenz. Für viele unserer Kultur-Gäste ist sie ein soziales Grundbedürfnis. Oft bekommen wir Rückmeldungen, dass sie den Besuch kultureller Veranstaltungen als persönliche Bereicherung erleben. Wir denken, dass neben der materiellen Absicherung jedem Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben unserer Gesellschaft zusteht.

Denn der Mensch ist ein soziales Wesen, das den Austausch mit anderen braucht. Gerade kulturelle Orte bieten Raum für Begegnung. Sie regen Kommunikation und Diskussion an, wecken Begeisterungsfähigkeit und Kritikfähigkeit. Studien belegen außerdem, dass kulturelle Teilhabe das psychische und physische Wohlbefinden von Menschen in schwierigen sozialen Lebenslagen nachhaltig verbessern kann.

KulturLeben Berlin